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KENNZEICHEN KOHL

Kino-Zeit

Der fünffache Helmut

Wie lebt es sich mit dem Namen des Kanzlers der Wiedervereinigung? In seinem Film Kennzeichen Kohl, der auf einer Idee des Fotografen Burkhard von Hader beruht, spürt der Dokumentarfilmer Jean Boué fünf Männern verschiedener Herkunft nach, die allesamt nur eines verbindet: Sie tragen den gleiche Namen wie der Ex-Kanzler, der 1989 die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte. Schon allein deshalb geht es in diesem Film auch um deutsch-deutsche Befindlichkeiten, zumal zwei der fünf Porträtierten aus dem Osten Deutschlands stammen.

Dass trotz des übermächtigen Namens der Schatten des "Dicken" nicht allzu schwer über dem Film lastet, liegt am Geschick Broués und an den interessanten Aspekten, die der Film dem Zufall der Namensgleichheit abringt. Vielmehr geht es um die verschiedenen Lebenswege der Männer, um ihre Erfahrungen, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen. Und am Rande auch immer wieder um die Politik und ihre Auswirkungen. So etwa dann, wenn Helmut Kohl aus Wolfen anhand seiner eigenen Wohnsituation die Entvölkerung im Osten Deutschlands und den Rückbau ganzer Wohnblocks deutlich werden lässt. Von Wohnungsproblemen ganz anderer Art weiß der aus Österreich stammende Architekt Helmut Kohl zu berichten, der als Investor in Bauprojekten im Osten eine Menge Geld verloren hat. Es sind zwei unterschiedliche Ansichten dessen, was einst vom Kanzler als "Aufschwung Ost" bezeichnet wurde. Beide Male fällt das Fazit der Unternehmung nicht allzu rosig aus.

Seine ganz eigene Interpretation der Wende hat auch der Gastwirt aus Crimmitschau in Sachsen, der bemerkt, vor der Wiedervereinigung sei es ihm "sehr, sehr, sehr, sehr gut" gegangen. Danach nur noch "gut". Dann nickt er bekräftigend mit dem Kopf. Auch jener Helmut Kohl, der immerhin aus dem gleichen Bundesland wie der Kanzler aller Deutschen stammt, ist nicht so recht zufrieden damit, wie es läuft. Sein schwerkranker Bruder, den der Anlagenführer aus der Nähe von Trier betreut, bedeutet für die ganze Familie eine enorme, auch finanzielle Belastung. Man spürt förmlich die Angst, trotz Fleiß und Sparsamkeit vom sozialen Netz nicht mehr aufgefangen zu werden. Wäre nicht der familiäre Zusammenhalt und die Geborgenheit des dörflichen Lebens, wäre die Verzweiflung, die man hier eher zwischen den Bildern spürt als sieht, sicherlich größer.

Mit sich selbst und ihrer (neuen) Heimat im Reinen sind vor allem der aus Oberschlesien stammende und in Heidelberg wohnende Helmut Kohl und eben jener Helmut Kohl, der sein Glück als Architekt gemacht hat und der einen Gutteil seiner Zeit auf seinem Anwesen in Mallorca verbringt. Er ist auch der einzige, der während eines Urlaubs dem "echten" Helmut Kohl leibhaftig begegnet ist. Als der Staatsmann von der Namensgleichheit erfuhr, lud er den Architekten aus dem Ruhrgebiet ein. Doch aus dem längeren Treffen wurde leider nichts – Terminprobleme. So ist das eben im Leben eines Politikers.

Zwischen Designereinrichtung und Plattenbautristesse, Schrebergartenidylle und der behaglichen Atmosphäre eines hübschen Einfamilienhauses in der deutschen Provinz hat Jean Boué seinen Film angesiedelt und überrascht durch beinahe soziologisch anmutende Einsichten in das Leben höchst unterschiedlicher Männer, die einen guten Querschnitt durch deutsch-deutsche Befindlichkeiten bieten. Dass sich dabei manches Klischee quasi selbst erfüllt, spricht nicht unbedingt gegen diesen Film, der manchmal vielleicht ein wenig zu starr an seinem Konzept exakt gleich konstruierter Themenblöcke klebt. Trotz dieses Manko und der unverkennbaren Fernsehästhetik ist Kennzeichen Kohl ein gelungener Beitrag zu all jenen Filmen, die sich derzeit anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls kritisch mit Deutschland auseinandersetzen. Vor allem deshalb, weil Jean Boué seine Protagonisten mit unverkennbarer Sympathie begleitet.

Patriotisch erbaulich ist Jean Boués Film eher nicht geraten – als die fünf Helmuts am Ende gebeten werden, die deutsche Nationalhymne anzustimmen, herrscht größtenteils betretenes Schweigen, lediglich der aus Oberschlesien stammende Helmut Kohl hat den Text auf Anhieb eingermaßen flüssig parat, während sich ein anderer nur an "Auferstanden aus Ruinen..." erinnert. Wenn das der Helmut wüsste. Also der echte...

(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel: Kennzeichen Kohl
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2009
Länge: 87 (Min.)
Verleih: Hanfgarn & Ufer
VERÖFFENTLICHUNGEN
Kinostart: 02.09.2010

CAST & CREW
Regie: Jean Boué
Kamera: Uli Fischer
Schnitt: Thomas Wellmann


MDR Sputnik

KENNZEICHEN KOHL

Kohl = Kanzler?
Helmut Kohl, ganz klar, das war der Kanzler der Einheit. Das ist der Mann, der Deutschland in den Achtzigern und Neunzigern für sechzehn Jahre regiert hat. Davor war Helmut Schmidt, danach kam Gerhard Schröder. Ja, das stimmt natürlich, aber so leid es uns auch tut: Helmut Kohl ist eben doch nicht einzigartig. Denn es gibt noch mehr davon. Mehr Helmut Kohls. Keine Angst, das ist gar nicht schlimm und tut auch nicht weh, denn Helmut Kohl muss ja nicht zwangsläufig Kanzler sein.

Ganz schön viel Kohl
Es gibt den Kanzler Helmut Kohl, genauso gibt es aber auch den sächsischen Gastwirt aus Crimmitschau, es gibt den ehemaligen Chemiearbeiter aus Wolfen, es gibt den Architekten aus Duisburg, den Kfz-Mechaniker aus Heidelberg und den Anlagenführer aus Rheinland-Pfalz. Alle heißen sie Helmut Kohl. Die fünf Namensvetter sind die Protagonisten in Jean Boués Wettbewerbsbeitrag "Kennzeichen Kohl“.

Kohlsche Lebenswelten
Anders allerdings als ihr Namensvetter hatten die Kohls aus dem Film nicht immer so ein erfolgreiches Leben. Sie erzählen über ihre Vergangenheit, über ihre Gegenwart und über ihre Zukunft. Über die Wende, über ihre Familie. Und dabei wird schnell klar: Gemeinsam haben sie außer dem Namen eigentlich nichts. Während der Architekt Kohl in seiner eigenen bohèmen Welt lebt, seine freie Zeit mit seiner Frau auf dem Golfplatz verbringt, kämpfen die anderen Kohls mit den Problemen des Alltags wie Arbeitslosigkeit und Rentenversicherungen. Irgendwann tritt das Kennzeichen Kohl in den Hintergrund und der Film wird zu einer interessanten Reise quer durch Deutschland.

Von der Kanzlerbiographie zum Film
Die Idee des Films hat der Kanzler beinahe fast selbst geliefert. Mit seiner Biographie "Ich wollte Deutschlands Einheit" hat er den Fotographen Burkhard von Hader auf die Idee eines Photobandes gebracht. Daraus ist ein Film geworden. Aus ursprünglich über 100 Helmut Kohls bleiben fünf für den Film übrig. "Kennzeichen Kohl“ ist gar nicht so sehr ein Porträt über die Kohls dieses Landes, sondern vielmehr ein Porträt über die Menschen und ihre Visionen.

Regie
Jean Boué (Idee: Burkhard von Harder)

Produktion
Gunter Hanfgarn, HANFGARN & UFER Filmproduktion

Schnitt
Thomas Wellmann

Kamera
Uli Fischer



rbb-online

"Kennzeichen Kohl"

Sie sind Gastwirt, Hobbygärtner oder Rentner – und sie heißen Helmut Kohl: Der Dokumentarfilm ist ein Porträt einer Generation, die im Nachkriegsdeutschland groß geworden ist, und Teilung, Wiedervereinigung, Wirtschaftswunder und Massenarbeitslosigkeit erlebt hat.

Es gab mal eine Zeit, da nannten Eltern ihre Söhne Helmut. Und weil die Eltern mit Nachnahmen Kohl hießen, hießen die Söhne demzufolge Helmut Kohl. Nun sind die meisten dieser Söhne in der Restzeit ihres Lebens angekommen. Dieser Film ist ein Ausflug in die Generation Kohl. 

Jean Boué, Regisseur 
"Helmut Kohl ist nicht jung. Der Mann ist 1,70 Meter groß, der ist 68, mittlerweile 71 Jahre im Durchschnitt, trägt eine Brille, ist Nichtraucher, verheiratet und fast immer festangestellt gewesen."

Dieser Helmut Kohl ist in Oberschlesien geboren. Sein Leben war ein Kampf um seinen Namen und sein Deutschsein. Sein später Triumph ist ein Schrebergarten in Heidelberg. Und die Deutschlandfahne über der Laube ist das Zeichen seiner Genugtuung, endlich angekommen zu sein. 

Helmut und Ruth Kohl - 30 Quadratmeter Zufriedenheit plus Mercedes in der Tiefgarage. Die späte Erfüllung eines deutschen Traums, eines Nachkriegs-Traums. 

Jean Boué, Regisseur 
"Vieles von dem, was ich bei diesen Männer gefunden habe ist etwas, was meine Eltern erlebt oder gelebt haben, was unsere Eltern uns vorgelebt haben. Das hat etwas zu tun mit Disziplin, mit Wiederaufbau und Wirtschaftwunder, mit 'Leistung muss sich wieder lohnen'."

Helmut Kohl in Wolfen bei Bitterfeld schaut gerade dabei zu wie sein Leben verschwindet. Sein alte Wohnung wird abgerissen, seine Heimat in eine blühende Landschaft verwandelt: Rückbau Ost. Wer Zukunft sucht, zieht weg. Helmut Kohl ist übrig geblieben, aus einem Leben, dass es nicht mehr gibt. 

Ein alter Mann auf einem leeren Platz - es ist eine der stillen, traurigen, großen Szenen des Films, der seltsamer Weise keinen Mangel an glücklichen Menschen hat. 

Jean Boué, Regisseur 
"Es war sehr überraschend, dass alle fünf Männer von sich behaupten glücklich zu sein, obwohl man beim Anschauen dieser Wohn- und Lebenssituationen an vieles denkt, aber wahrscheinlich nicht ans große Glück." 

Fünf Mal – Helmut Kohl. Es ist kein Film darüber, was die Einheit diesen Männern gebracht hat, sondern darüber, was ein Leben ausmacht, dessen Prinzipien Strenge, Ordnung und Genügsamkeit sind. Es scheint, als wäre “Helmut Kohl“ ein Auslaufmodell. Glücklichsein geht heute irgendwie anders. Die neuen Kohls heißen Kevin – aber das ist wohl ein anderer Film.

Autor: Lutz Pehnert












  • 07.08.2010 | Süddeutsche Zeitung |

    Mein Leben – Seyran Ates

    Erfolg ohne Glück

    Eine gute Dokumentation über die
    deutsche Muslimin Seyran Ates

    Der Film über die deutsche Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates muss als unvollendet gelten: Er bricht seine Erzählung vor Herbst 2009 ab. Damals zog sich Ates aus der Öffentlichkeit zurück, weil sie ein Tabu brach. Sie hatte in einem Buch die sexuelle Revolution für den Islam gefordert. Sie bekam Morddrohungen, die Polizei sicherte ihr Haus. Ates war schon einmal, als junges Mädchen – in einer Beratungsstelle für Migrantinnen –, angeschossen worden. Später, als prominente Rechtsanwältin, wurde sie vom Mann einer türkischen Klientin angegriffen. Sie war und ist traumatisiert, und sie hat ein Kind, das sie schützen wolle, sagte sie. Nicht wenige Kritiker halten das für überspannt und Ates für eine Selbstdarstellerin. Aber für die Berlinerin ging es vor einem knappen Jahr wieder einmal um ihre Existenz, um ihr Leben.
    „Mein Leben“ heißt die Reihe, in der die Dokumentation von Sabine Jainski und Ilona Kalmbach gezeigt wird. Die konventionelle, chronologische Erzählweise nimmt den Zuschauer mit auf eine biographische Reise, mit ins Leben der 47-jährigen Ates, die als Gastarbeiterkind nach Deutschland kam. Der Film lebt natürlich von der Hauptfigur und ihrer direkten Art, von ihren plastischen Schilderungen und den Orten, an denen sich dieses Migrantinnenleben abspielte. Ates wuchs in einem armen, grünen Vorort von Istanbul auf, bis die Mutter aus Geldnot nach Deutschland in die Fabrik ging und die Kinder erst beim Vater, später bei einem Onkel zurückließ.
    Dies sind einige der stärksten Szenen: Die alte Mutter durchlebt noch einmal unter Tränen ihren Kummer über dieses kalte, fremde Deutschland, die Sehnsucht nach den Kindern – ein Gastarbeiter-Trauma, in das sich die Deutschen wohl selten hineingefühlt haben.
    Die junge Seyran im Berliner Wedding ist eine gute, von den Eltern panisch bewachte Schülerin, eine Lehrerin erkennt ihr Talent, ihre Intelligenz, und hilft ihr mit 18 bei der Flucht aus dem Elternhaus. Der Rest ist weitgehend bekannt. Ihre Karriere als Anwältin für Migrantinnen, ihr politisches Engagement, ihre Mitarbeit in der Deutschen Islamkonferenz, ihre Angriffe auf den Multikulti-
    Mythos der Deutschen, denen sie vorwirft, dass sie die Muslime auch in ihrer neuen Heimat nicht zur Integration zwingen wollen. Die Autorinnen befassen sich wohltuend wenig mit den teils hysterischen Angriffen auf die Juristin, die gern als naiv und islamfeindlich beschimpft wird. Der Film erzählt vielmehr von einer deutschen Muslimin, die ihren Weg als Erfolg betrachten kann und doch bis heute damit nicht glücklich werden darf. CATHRIN KAHLWEIT


    Mein Leben – Seyran Ates,  Arte, Sonntag, 17 Uhr .

    Das Unerhörte wird Ereignis    FAZ

    Jahrelang versteckte sich die Türkin Seyran Ates vor ihren Eltern, um selbst über ihr Leben entscheiden zu können. Die Gewalt, zu der diese Kultur fähig ist, erfuhr sie am eigenen Leib. Heute setzt sie sich als Anwältin für andere Frauen ein.
    Von Karen Krüger
    Anwältin und Frauenrechtlerin: Unter Lebensgefahr setzt sich Seyran Ates dafür ein, dass muslimische Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können

    08. August 2010
    Als Seyran Ates ein junges Mädchen war, gab es ein Bild in ihrem Kopf, das all das versinnbildlichte, was sie sich wünschte: Zwei Freundinnen sitzen in einem Café, die Sonne scheint, sie trinken Tee, tratschen und freuen sich des Lebens. Es war ein harmloses Bild. Und doch war es viel mehr, als ihre Familie der Türkin jemals erlaubt hätte.
    Niemals durfte das Mädchen allein irgendwohin; nach der Schule musste sie sofort nach Hause kommen. Immer wieder brachen die Eltern ihren Willen - mit Verboten, und wenn die nicht halfen, mit der Faust. Sie wollten nicht, dass aus Seyran eine Frau mit einem Durchsetzungswillen für persönliche Bedürfnisse und berufliche Ziele werde. Denn Mädchen, die ein selbstbestimmtes Leben führen oder die sich verlieben wollen, gab es in der Tradition der aus Anatolien stammenden Gastarbeiter nicht. In ihren Augen waren solche Frauen Huren. Niemals hätte man das in der muslimischen Familie offen ausgesprochen - Sexualität war ein Tabu.


    Befreiung aus dem elterlichen Gefängnis
    Und dennoch wurde die Persönlichkeit der Tochter einzig auf ihr Frau-Sein reduziert. „Ich fand das immer widerlich“, sagt Seyran Ates heute, gut vierzig Jahre später. Seyran Ates ist Anwältin, Frauenrechtlerin und Migrationsforscherin. Im Alter von sechs Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland. Man kennt ihr Gesicht aus Talkshows, in denen sie kluge Sätze zu Themen der Integration sagt und für eine zeitgemäße Auslegung des Islams plädiert. Man hat sie auf Büchern gesehen, die den Kampf muslimischer Frauen um Selbstbestimmung beschreiben. Und man weiß, dass sie sich bei der vergangenen Islamkonferenz um einen Dialog mit den muslimischen Verbänden bemühte. Sieht man die Arte-Dokumentation „Mein Leben - Seyran Ates“ von Ilona Kalmbach und Sabine Jainski, dann möchte man diese Frau ganz unweigerlich persönlich kennenlernen. So sympathisch ist sie, so unerhört ist das, was sie erlebte und wegen ihres Engagements bis heute erlebt.
    Wir sehen, wie sie bestimmt, doch freundlich mit Journalisten spricht. Wir begleiten sie und ihre Eltern durch das Istanbuler Stadtviertel, in dem die Familie Mitte der sechziger Jahre wohnte. Wir beobachten, wie behutsam sie mit ihrer kleinen Tochter umgeht, mit ihren fünf Geschwistern scherzt, für die sie als Älteste so vieles erkämpfte. Wie einer alten Freundin begegnet sie hingegen ihrer ehemaligen Gymnasiallehrerin. Denn deren Vorbild und Unterstützung halfen Seyran Ates letztendlich, sich aus dem elterlichen Gefängnis im Berliner Wedding zu befreien: Kurz bevor sie achtzehn Jahre alt wird, läuft sie von zu Hause fort und kommt in der Wohnung der Lehrerin unter. Die Abiturprüfung im Fach Deutsch besteht sie mit Bestnote. Dann studiert sie Jura.

    Jahrelang versteckt sich Seyran Ates vor den Eltern - sie kennt die Schimpfworte, die Türken für Mädchen verwenden, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen. Die Gewalt, zu der diese Kultur fähig ist, erfährt sie am eigenen Leib: Mit einundzwanzig Jahren wird sie angeschossen. Der Anschlag gilt ihrer Tätigkeit: Seyran Ates arbeitete damals in einem Beratungszentrum für muslimische Frauen. Sechs Jahre dauerte es, bis ihr Körper und ihre Seele das Trauma überwunden haben. Dann machte sie weiter - jetzt erst recht.
    Die berührendsten und überraschendsten Momente dieses sehenswerten Films sind jene, in denen die Eltern von Seyran Ates über ihre Tochter sprechen. Vater, Mutter und Tochter sitzen auf der Terrasse ihres alten Hauses in Istanbul, vor ihnen eine Schale mit Melone. Nach allem, was man über sie erfahren hat, möchte man den beiden Alten böse sein. Und kann es nicht, genauso wenig, wie die Tochter ihnen etwas nachzutragen scheint. Sie hätten Seyran zu sehr eingeschränkt, sagt die Mutter. Der Vater fängt zu weinen an, als er an seine Wut über die Flucht der Tochter denkt. Gelassen hört er dann zu, wie seine Frau eine Wahrheit ausspricht, die auch ihm gilt: Mit einem türkischen Mann könnte Seyran niemals zusammenleben. Ein türkischer Mann wolle immer, dass die Frau ihm unterlegen sei. „Dass sie nicht so lebt wie ich, gefällt mir.“
    Sie habe ihre Eltern immer in diese wunderbare Welt der Freiheit mitnehmen wollen, in die sie gegangen sei, sagt Seyran Ates am Ende. Ein wenig scheint ihr dies gelungen zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass ihr auch jene Frauen folgen, für deren Rechte Seyran Ates gekämpft hat und kämpft.
    Mein Leben - Seyran Ates läuft am Sonntag um 17 Uhr bei Arte

WIR SIND DAS VOLK    Leipzig - Wege zur Freiheit

Vor 20 Jahren fiel die Mauer in Berlin. Der 9. Oktober 1989 markiert den Wendepunkt der friedlichen Revolution in der DDR. In Leipzig gingen 70.000 Menschen auf die Straße und demonstrierten in Todesangst. Die Volkspolizei versuchte sie auseinander zu treiben und rief: Wir sind die Deutsche Volkspolizei! Die Menschen antworteten: Und wir sind das Volk!
Die DDR hatte die Willensstärke und den Mut ihrer Bürger unterschätzt. Jahrzehntelange Diktatur hatte eines nicht geschafft: die Menschen zu zerbrechen. Wenn es auch lange gedauert hat, es ist gelungen: der Widerstand hat zur Solidarität geführt.
20 Jahre nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes erforschen die Studentinnen Anja (26) und Christiane (21), wer die Menschen waren, die den Berg ins Rutschen brachten. Sie treffen den Buchautor und Liedermacher Martin Jankowski. Er spielte am 9. Oktober '89 in der Nikolaikirche während des Montagsgebets ein Lied auf seiner Gitarre, während sich draußen Tausende bereits zur großen Demonstration einfanden. Sie machen den 'Rolling-Stones-Fanclub' Schirgiswalde ausfindig. Deren Mitglieder wurden 1968 als 16-Jährige verhaftet, weil sie mit Plakaten auf eine Kirchensprengung in Leipzig aufmerksam machten. Sie lernen die Malerin Katrin Hattenhauer kennen, die wegen ihres politischen Engagements monatelang im Gefängnis saß. Die Studentinnen lassen sich von einer Punkband die Titel 'Stacheldraht' und 'Ohne Sinn' um die Ohren blasen. In der DDR standen die Jungs stets mit einem Bein im Gefängnis, denn ihre Musik war verboten. Durch die 'offene Jugendarbeit' vor allem der Evangelischen Kirche hatten die jungen Punks - ebenso wie alle, denen der Staat öffentlichen Raum für Versammlungen, Konzerte und andere Treffen verweigerte - eine Zufluchtsstätte in den Gemeinderäumen. Pfarrer Siegfried Lange führt Studentin Anja in die Katakomben des Mockauer Pfarrkellers, wo sich in den 80er Jahren bis zu 200 Punks auf einmal tummelten.
Neben weiteren spannenden Zeitzeugen illustriert die Dokumentation mit eindrucksvollen, zum Teil noch nie gezeigten Aufnahmen, die Brutalität des Staates bei Demonstrationen. Dass am Ende doch noch alles friedlich verlief und zum 'Wunder von Leipzig' führte, können die Zuschauer hautnah miterleben. Bis zum bewegenden Moment des Mauerfalls und den tränenreichen Wiederbegegnungen getrennter Menschen in Ost und West.




Mein Leben - Günter Wallraff


    •    Porträt des Schrifstellers
    •    2009
    •    45 min.

Inhalt

Sein treuester Begleiter ist das Telefon. Günter Wallraff nimmt immer ab. Tag und Nacht. Dafür unterbricht er sogar das Joggen. Er ist unter Strom, dauernd unterwegs, irgendwie getrieben, ständig auf dem Sprung. "Er muss die Welt retten", sagt ein Freund über ihn. Während der Dreharbeiten zu dieser Dokumentation taucht Wallraff dreimal ab; er arbeitet wieder undercover. Günter Wallraff, 67, findet keine Ruhe. Er schlüpft in ständig neue Rollen, verjüngt sich, will es immer wieder wissen. Dabei hat er doch eigentlich alles erreicht. Wallraffs Reportagen haben das Land verändert. Seit Anfang der 60er Jahre schlich er sich in fremde deutsche Alltagswelten ein, war Kumpel, Priester, Pförtner, Penner. Als Reporter Hans Esser entlarvt er die Methoden der "Bild"-Zeitung, als Türke Ali legt er die miserablen Arbeitsbedingungen für Ausländer bloß. Er wird weltberühmt, seine Bücher sind Bestseller, seine Enthüllungen werden in über 30 Sprachen übersetzt. Seine Arbeitsweise findet sogar Eingang in skandinavische Wörterbücher: Als "wallraffen" bezeichnet man dort das "Sicheinschleichen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen". Über ein Jahr folgte Jean Boué Günter Wallraff, auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen, warum er das alles für die Öffentlichkeit getan hat und vor allem, warum er damit nicht mehr aufhören kann.




Mein Leben: Rupert Neudeck der radikale Samariter


Eine Dokumentation von ARTE / NDR, Deutschland 2009
Ausstrahlung auf ARTE: am Samstag, 8. August 2009, um 17.20 Uhr
 
Amm 9. August 1979 stach Rupert Neudeck erstmals mit seinem Schiff, der Cap Anamur, in See. Seine Mission: die Rettung der vietnamesischen “boat people”, die zu Tausenden vor dem kommunistischen Regime im wiedervereinigten Vietnam flohen. Schon wenige Jahre später hatte Neudeck mit seiner humanitären Rettungsaktion Millionen an Spenden gesammelt und über 10.000 Flüchtlingen das Leben gerettet. Zum 30. Jahrestag der “Cap Anamur” zeigt ARTE die Dokumentation “Rupert Neudeck – Der radikale Samariter”. Im Jahr 2002 übergab Rupert Neudeck den Vorsitz der “Cap Anamur” an Elias Bierdel. Doch an Ruhestand war nicht zu denken. Ein Jahr später gründete er mit seiner Frau Christel die Hilfsorganisation “Grünhelme e.V.” , mit der er den Wiederaufbau in kriegszerstörten Ländern wie Ruanda und Uganda unterstützt. Die Filmautorinnen Ilona Kalmbach und Sabine Jainski erzählen in ihrer Dokumentation die Geschichte des ehemaligen Deutschlandfunk-Journalisten Neudeck und begleiten ihn auch zu seinen aktuellen Projekten in Afrika.

DVD-Digital




DIE FREIWILLIGEN


Doku-Serie D
Regie: Caroline Goldie und Andreas Pichler Kamera: Johann Feindt, Jörg Jeshel, Knut Schmitz
Schnitt: Annette Muff, Thomas Wellmann
Idee & Konzept: Volker Heise, Jutta Doberstein
eine Koproduktion mit SWR, WDR, BR und Deutsche Welle, in Zusammenarbeit mit ARTE
2 x 52min., 2 x 44min. und 4 x 28:30min.


Schule, Ausbildung, Beruf – soll das alles gewesen sein? Einige sehen das anders. Sie sind jung und wollen die Welt kennen lernen. Es gibt noch so viel, was sie nicht gesehen haben, was sie ausprobieren wollen, ehe die Tretmühle beginnt. Sie gehen für ein Jahr nach Afrika, Asien oder Lateinamerika, um dort anzupacken, wo es notwendig ist. In Kinderheimen oder Schulen wollen sie helfen, die Erde besser zu machen. „Die Freiwilligen“ erzählt ihre Geschichte – eine Geschichte von Heimweh und Abenteuerlust, von verlorenen Illusionen und gewonnenen Erfahrungen, vom Erwachsenwerden in einer fremden, unbekannten Welt.

Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen fünf junge Frauen und Männer, die für ein Freiwilliges Soziales Jahr ins Ausland gehen, oft in Entwicklungsländer. Die meisten von ihnen sind naiv und voller Illusionen und werden getragen von dem Wunsch, zu helfen, die Welt zu verändern. Sie wollen aber auch eine neue Kultur, eine neue Sprache, eine andere Gesellschaft und Mentalität kennen lernen. Sie landen in einer Welt, auf die sie ihr bisheriges Leben in der „ersten Welt“ nicht vorbereitet hat. Gestern schmierte ihnen die Mutter noch die Pausenbrote, heute stehen sie in Mosambik oder Indien vor einer Klasse aus 30 Schülern, denen sie English beibringen sollen.

Wie reagiert man, wenn einem die Kinder im Heim auf der Nase herumtanzen und man nicht weiß, wie man sie wieder in den Griff bekommt? Wie viel möchte man aufgeben, von dem, was man selbst gelernt hat? Soll man Kinder schlagen, so wie es im Land üblich ist? Oder gibt es einen anderen – einen dritten Weg, irgendwo dazwischen? Was soll man tun, wenn man Verantwortung trägt für andere Menschen, wo man doch zuhause nur Verantwortung über das eigene Taschengeld hatte?

Für die Freiwilligen wird es ein Jahr der Bewährungen. Es gibt Momente der Verzweiflung, in denen die Probleme sie überwältigen. Aber es gibt auch Momente großen Glücks, wenn sie sich Respekt erkämpft haben und sich sicher sind, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und schließlich gibt es neben der Arbeit auch die Schönheit von Landschaften und von Städten, diese fremde Welt, die sie entdecken, deren Bilder sie nie wieder verlieren.

Zuhause bleiben die Eltern. Denen fällt es schwer, die Kinder ziehen zu lassen. Gestern haben sie noch Gute-Nacht-Geschichten gelesen – heute wollen die Kinder raus, die Welt entdecken. Wenn die Kinderzimmer leer sind, beginnt auch für die Erwachsenen ein neues Leben und sie müssen lernen, es neu zu gestalten. Manchmal kommt noch ein Brief aus der Fremde oder die Kinder finden einen Weg in ein Internetcafe, um sich mit Videobotschaften zu melden.

Der Film erzählt ein ganzes Jahr, beginnend mit dem Aufbruch in Deutschland über die Ankunft und die ersten Schritte in der Fremde. Die Schwierigkeiten, sich in den neuen, fremden Alltag einzufinden, die manchmal widersinnigen Gesetze und Traditionen zu respektieren, die Probleme bei der Arbeit.

Für die Freiwilligen wird es ein Jahr, in dem sie viele Illusionen verlieren – über die Welt, die Menschen in ihr und über sich selbst. Zurückkommen aber werden sie als andere Menschen. Und ihre Erfahrungen werden sie prägen: bei der Berufswahl, im Umgang mit ihren Mitmenschen, in ihrem gesellschaftlichen und politischen Handeln.




AUS ERFAHRUNG GUT - DIE SENIOREXPERTEN

Berliner Zeitung

Wurst ist mein Leben

Ein Mut machender Dokumentarfilm über Menschen, für die der Beruf nicht mit der Rente endet

Klaudia Wick

Der Titel, der dem Dokumentarfilm seinen Namen gab, hat Tradition. Es war einst der Werbespruch des Hausgeräteherstellers AEG. Heute ist die "Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft" ein Stück deutsche Industriegeschichte: 1996 wurde AEG aus dem Handelsregister gestrichen, lediglich der Produktname hat überlebt. In gewisser Weise gilt das auch für die vier Senioren, die "Aus Erfahrung gut - die Senior-Experten" vorstellt: Die sind nämlich mit der Rente aus dem regulären Wirtschaftsprozess ausgeschieden - und machen einfach woanders weiter.

"Fleisch und Wurst sind mein Leben", sagt Irene Honegg-Mühlhaupt. Dreißig Jahre arbeitete sie als Metzgermeisterin im eigenen Geschäft. Als sie den Betrieb an ihren Sohn übergab, sollte ihr der "Ruhestand" nicht langweilig werden. In Ruanda macht sie nun als ehrenamtliche Entwicklungshelferin weiter Wurst. "Ich habe dreißig Jahre lang funktioniert, habe Rücksicht auf meine Kunden, meine Familie, meinen Mann genommen", sagt die 65-Jährige. "Jetzt mache ich nur noch, wozu ich Lust habe". Lust auf Arbeit haben auch die anderen: Der Bauingenieur, der nun als Hüttenwirt in den Alpen arbeitet. Die ehemalige Krankenschwester, die sich Reisen ermöglicht, indem sie sich als Haussitterin anbietet. Und die Berliner Geschäftsfrau Heide Meyer: Noch mehr als für die anderen, die neben dem Beruf auch Familie hatten, ist für sie ihr Dessouswarengeschäft der Mittelpunkt ihres Lebens. Denn damals, so die heute 65-Jährige, musste man sich entscheiden zwischen Berufskarriere und Kindern." Nun will sie ihren Laden einer Nachfolgerin übergeben - und mit einer neuen Geschäftsidee noch einmal von vorne anfangen.

Die beiden Dokufilmerinnen Susanne Kammermeier und Wilma Pradetto haben zwar Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Lebenssituationen porträtiert - aber eines ist allen gemeinsam: Es sind Tatmenschen, die lieber nach vorne als zurück schauen. Die ihren dritten Lebensabschnitt genauso selbstständig gestalten wollen wie die Jahre zuvor. Der Ingenieur reichte lieber den Vorruhestand ein, als er merkte, dass ihn die technologische Revolution in seiner Branche zu überfordern drohte. Nun optimiert er die Abläufe in seiner Berghütte. Mit Erfolg. Ein Buchungsanstieg von 100 Prozent in zwei Jahren - "das muss mir erst mal einer nachmachen" sagt er nicht ohne Stolz.

Angst vor dem Alter haben sie alle, Furcht vor dem Tod nicht. "Ich habe erfüllt gelebt", findet Heide Meyer. "Und einigem den eigenen Stempel aufgedrückt". Dann könne man auch beruhigt dieses Leben verlassen. "Aus Erfahrung gut" ist ein Modellfilm für das selbstbestimmte Alter. Es ist ein liebevoll und ruhig erzählter Film, der Mut macht, positiv in die Zukunft zu schauen. Freilich taugt dieses Modell nur für jene - und das zeigt die Dokumentation eben auch - die gesund geblieben und dem gesellschaftlichen Wandel gegenüber aufgeschlossen sind. Anders gesagt: Wer bisher mit seinem Leben nichts Rechtes anzufangen wusste, wird diese Erfahrung auch mit den Ruhestand nehmen.

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FAZ - Net

08.07.2008, 22:45 Uhr

Für frühere Generationen war es noch selbstverständlich, mit Eintritt ins Rentenalter, - also Anfang bis Mitte 60 - den Beruf aufzugeben und sich gänzlich aus dem Arbeitsalltag zurückzuziehen. Das ist heute anders. Immer mehr ältere Menschen engagieren sich inzwischen entweder ehrenamtlich in ihrem Beruf weiter oder beginnen noch einmal etwas ganz Neues. Einige bessern ihre Rente mit Nebenjobs auf und erfüllen sich lang gehegte Träume, andere starten zusammen mit einem jungen Nachfolger noch einmal neu durch. Die Regisseurinnen Susanne Kammermeier und Wilma Pradetto haben vier Senioren begleitet, die auf ganz unterschiedliche Weise im Alter von ihren Berufserfahrungen profitieren und ihrem Leben noch einmal eine neue Wendung geben. Irene Honegg-Mülhaupt ist 65 Jahre alt und arbeitete 30 Jahre lang als Metzgermeisterin in Waldshut - ihr Traumberuf von Jugend an. Gleich nach der Pensionierung meldete sie sich bei einer Organisation, die ehrenamtliche Entwicklungshelfer rund um den Erdball vermittelt. Ihr erster Arbeitseinsatz führt sie nach Afrika: nach Kigali in Ruanda, wo sie eine deutsche Metzgereibesitzerin fachlich berät und unterstützt. Jörg Pfeifer ist Ingenieur. Heute ist er 66 Jahre alt und betreibt seit drei Jahren eine Hütte des Deutschen Alpenvereins in den österreichischen Bergen. Die Freude am Wandern und Reisen und die Liebe zu den Bergen begleitete ihn sein bisheriges Leben lang. Nach der Pensionierung machte er aus seinem Hobby einen Beruf und arbeitet nun als Hüttenwirt auf 2800 Metern Höhe. Karla Hinz war vor ihrer Pensionierung als Krankenschwester in Hamburg tätig. Die 65-Jährige ist inzwischen in der Welt herumgekommen. Sie hütet Häuser und Wohnungen für Leute, die in Urlaub sind, und verbindet so ihre Leidenschaft für das Reisen mit einem kleinen Nebenverdienst, der ihre ansonsten schmale Rente aufbessert. Heide Meyer ist 65 Jahre alt und Inhaberin eines Dessousgeschäftes in Berlin. Die resolute, elegante Dame betreibt ihren Beruf mit Begeisterung seit fast 50 Jahren. Sie hat einen Traum: Heide Meyer möchte noch einmal neu durchstarten, ihr Geschäft einer Nachfolgerin übergeben und selbst einen neuen Laden eröffnen, der sich auf die perfekte Passform für Büstenhalter spezialisiert. Denn die Marktforschung bestätige es immer wieder: Die meisten Frauen tragen den falschen BH. Vier Senioren, vier unterschiedliche Lebenswege. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, im Alter weiterhin einer Beschäftigung nachzugehen, aktiv zu sein, nicht nur körperlich beweglich, sondern auch geistig flexibel zu bleiben. Sie wollen weiterhin teilhaben an der Gesellschaft, sich einmischen und ihre Erfahrungen weitergeben. Sie zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten der Beschäftigung im Alter sein können und dass Alt werden oder Alt sein nicht zwangsläufig damit verbunden sein muss, zum alten Eisen zu gehören.


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2007

DAS REICHSORCHESTER


Schönheit und Verbrechen  (tagesspiegel)

Während des dritten Reiches befanden sich die Berliner Philharmoniker unter einer Glasglocke, profitierend von dem NS-Gefälligkeitsregime. Wie aus Verdrängung schließlich doch noch Scham wurde, zeigt der Dokumentarfilm "Das Reichsorchester".
Der Gang ist unsicher bei dieser Spurensuche, der Annäherung an alte Männer und ihre Geschichte. Der Geiger Hans Bastiaan ist ein freundlicher Mensch, das Jahrhundert hat ihn gezeichnet, und doch ist sein Gesicht kindlich geblieben. Er plaudert unbekümmert drauf los, manchmal zögert er, sucht nach Worten. Zum Beispiel für seine Erinnerung an die wertvolle Geige, die er sich als Dauerleihgabe aussuchen durfte. Dass sie aus jüdischem Besitz stammte, Raubgut von Mördern war, darüber hat er nicht nachgedacht. Zu Beginn spricht er von der „ Glasglocke“, unter der sich die Philharmoniker von 1933 bis 1945 befanden. Erst als er die Blicke der Passanten beschreibt, als gegen Kriegsende auf Berlins Straßen keine jungen Männer mehr zu sehen waren, schon gar keine mit Geigenkasten unterm Arm – erst da spricht er von Scham.

Am Sonntag feiern die Berliner Philharmoniker ihren 125. Geburtstag. Ja, sie haben von den Nazis profitiert, nachdem die finanziell gebeutelte Orchester-GmbH mit der Unterstellung unter das NS-Propagandaministerium zahlreiche Privilegien erhielt. Die Vorzüge der „Gefälligkeitsdiktatur“ (Götz Aly) im Mikrokosmos: Das NS-Kapitel der Philharmoniker-Saga ist ein Lehrstück über Musik und Politik, über den schmalen Grat zwischen Ahnungslosigkeit und Ignoranz, Eskapismus und Verstrickung. Stramme Nazis wie den Bratscher Wolfram Kleber gab es nur wenige, die meisten Musiker gaben sich apolitisch, waren typische „Mitläufer“.

„Das Reichsorchester“, ein Versuch über das Unbedarfte. In Anlehnung an Misha Asters gleichnamiges Buch konfrontiert der Dokumentarist Enrique Sánchez Lansch („Rhythm Is It!“) Gespräche mit letzten lebenden Zeitzeugen und den (auch schon alt gewordenen) Kindern von Orchestermitgliedern mit teils atemberaubenden Filmdokumenten. Furtwängler! Knappertsbusch! Der blutjunge Celibidache! Goebbels’ Hitler-Geburtstagsrede auf dem Konzertpodium – und die Weltreisen der musikalischen NS-Botschafter mitten im Krieg. Auch eine Art Eroberungsfeldzug.

Klar, die Fakten (keiner der Nichtjuden protestierte gegen den Ausschluss der jüdischen Musiker) kann man auch in Asters Buch nachlesen. Aber der Film macht es sinnfälliger: wegen der Musik, der Gesichter und der bei der Expedition in verschüttete Familiengeschichte ungläubig staunenden Nachgeborenen. Und wegen der Widersprüche, etwa zwischen Goebbels, dem Propagandisten der Unfreiheit, und dem Freiheitsjubel der Leonoren-Ouvertüre. Beethoven, Händel, Bach, Richard Strauss: Noch in den mit Knister-Patina überzogenen Aufnahmen ist das Unbedingte der Interpretationen zu hören. Hoher Herzblutdruck, wenig Pathos. Furtwänglers Schlüsse klingen unwirsch, gehetzt, fast aggressiv. Kunst ist nie unschuldig; das Unrechtsregime und der Krieg, sie sind der Musik eingeprägt.

Hans Bastiaan, der Kronzeuge des Films, ist 96 Jahre alt. Ohne sein sanftes, spätes Erschrecken über die eigene Naivität wäre „Das Reichsorchester“ eine Geschichtsstunde ohne Zentrum, ohne Seele. Warum wird er erst jetzt befragt? Welche anderen NS-Geschichten wurden bis heute zu erfragen versäumt?

Sánchez Lansch setzt das Puzzlebild von Schönheit und Verbrechen, Schuld und Scham präzise und besonnen zusammen. Eine Frage der Haltung: Er schließt mit den Emigranten. Die Philharmoniker gaben ihr erstes Nachkriegskonzert am 16. Mai, acht Tage nach der Stunde Null. Der von den Nazis vertriebene Konzertmeister Szymon Goldberg ist nie wieder in Deutschland aufgetreten.

Premiere heute im Cinema Paris, 20.30 Uhr (ausverkauft). Ab Donnerstag im Cinema Paris, Filmkunst 66, Hackesche Höfe. Gezeigt wird der Film auch beim Jubiläums-Musikfest am Sonntag, den 4. November, um 11 Uhr im Kammermusiksaal.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 31.10.2007)






Reichsverteidiger im Frack  (taz)

Mit Musik ging alles besser: Enrique Sánchez Lansch porträtiert mit seinem Film "Das Reichsorchester" die Berliner Philharmoniker als Vorzeigeformation der NS-Diktatur

VON HENNING BLEYL

Dass es den Berliner Philharmonikern finanziell nie so gut ging wie während des Dritten Reichs, als sie nachgeordnete Dienststelle des Propagandaministeriums waren und Goebbels als ihr persönlicher "Schirmherr" fungierte, ist nichts Neues. Ab morgen jedoch ist dieser Teil der Geschichte des seit 125 Jahren bestehenden Orchesters erstmals in bewegten Bildern zu sehen: "Das Reichsorchester" von Enrique Sánchez Lansch kommt in die Kinos.

Was kann der Film, was das gleichnamige Buch des jungen kanadischen Historikers Misha Aster nicht kann, das im August erschien? Er kann Zeitzeugen zeigen - sofern vorhanden. Unter den drei noch lebenden Philharmonikern dieser Ära fand Sánchez Lansch zwei noch Interviewbare. Es ist ein dokumentarischer Glücksfall, dass diese beiden Männer zwei Haltungen innerhalb des Orchesterkollektivs repräsentieren: Der heute 96-jährige Geiger Hans Bastiaan denkt selbstkritisch über die eigene Rolle nach. Den Part des ewigen Relativierers übernimmt der Kontrabassist Erich Hartmann, 87 Jahre alt. Freundlich sagt er in die Kamera: "Wir haben eigentlich nur unsere Arbeit getan. Wir haben mit Freude musiziert, wir haben einen wunderbaren Dirigenten gehabt und haben an keine Politik gedacht."

Dazu bestand aus seiner Sicht auch kein Anlass: Goebbels sorgte nicht nur für die Verbuchung des stetig steigenden Philharmoniker-Etats als "Reichsverteidigungsaufgabe". Bis zuletzt bekamen die Musiker außerdem ihre "doppelte Unabkömmlichkeit" bescheinigt, selbst "bei unmittelbarer Feindbedrohung" würden sie an ihrem Arbeitsplatz benötigt. Das Gefühl der Scham, unversehrt und gut genährt mit dem Geigenkasten unterm Arm in Berlin herumzulaufen, nagt heute noch an Bastiaan.

Sánchez Lansch beschäftigt sich ausgiebig mit der Frage, was mit den jüdischen Orchestermitgliedern geschah. "Der wäre doch sowieso irgendwann woanders hingegangen", sagt Hartmann über seinen 1934 emigrierten Kollegen, den Solocellisten Joseph Schuster. "Ich wüsste nicht, warum mein Vater Berlin hätte verlassen sollen", entgegnet dessen in der Karibik lebender Sohn im Umschnitt. Auch den Parteigenossen unter den 118 Philharmonikern, von denen es ein gutes Dutzend gab, konnte Sánchez Lansch nur noch mittels der Erinnerungen ihrer Kinder nachspüren. Immerhin erwächst aus diesen narrativen Umwegen eine der schönsten Filmsequenzen: Über einen Terminkalender gebeugt buchstabieren sich die beiden Töchter des Cellisten Karl Rammelt durch den April 1945: "Die haben ja gespielt, bis die Russen kamen!"

Quelle Nummer zwei: das Archivmaterial. Es ist ein Vergnügen, den unglaublich antiquiert wirkenden Dirigierstil der damaligen Zeit zu sehen, die legendäre Fahrigkeit der Furtwänglerschen Einsätze, die im Kollegenkreis immer wieder zur Frage führte: Wie schafft ihr es nur, zusammen anzufangen? Auf inhaltlicher Ebene kommt Wilhelm Furtwängler im Film wohltuend wenig vor. Wohltuend deswegen, weil die Fokussierung auf die Perspektive "einfacher" Orchestermitglieder tatsächlich neu ist, während der Streit um das Verhalten des Stardirigenten schon unsere Großtanten beschäftigte - meist mit dem Tenor: Wie konnte man dem großen Mann nur so ein kleinkariertes Entnazifizierungsverfahren zumuten!

Letztlich spannend ist ja auch nicht die moralische Frage, ob Furtwängler - wie etwa Toscanini - hätte emigrieren müssen. Sondern die darüber hinausgehende Erkenntnis, wie hervorragend qualitativ hochstehende Kulturleistungen gerade in einem faschistischen Kontext propagandistisch eingesetzt werden können, nicht nur in Gestalt der Auftritte am Vorabend von Reichsparteitagen und Führergeburtstagen. Selbstverständlich kann ein 90-Minüter nicht herausarbeiten, wie präzise die Auslandseinsätze der Philharmoniker auf die jeweilige Interessenlage des Dritten Reichs abgestimmt waren. Dennoch könnte er vielfältiger sein. Lansch orientiert sich strikt am O-Ton und verlässt sich dabei so sehr auf seine beiden Hauptzeitzeugen, dass sich ihre Erinnerungen zu wiederholen beginnen.

Zum hundertsten Geburtstag der Philharmoniker wäre Sánchez Lansch spezifischer Dokumentar-Ansatz daher noch ertragreicher gewesen - zumal man auch den Chef noch hätte befragen können: Karajan, protegiert von Göring, beantragte sicherheitshalber gleich zweimal die Mitgliedschaft in der NSDAP. Auch im engeren Sinn hatte Sánchez Lansch ein Zeitproblem: Erst Mitte Juni konnte er anfangen zu drehen. Beim RBB, dem Hauptfinanzier, verweist man in dieser Sache auf umfangreiche Gremienbeteiligungen, etwa die nicht sehr oft tagende "Historische Kommission" der ARD. In der Tat ist ja auch erst seit 1882 bekannt, dass die Philharmoniker dieses Jahr 125 werden.

Mangels Material musste Sánchez Lansch einen der nur zwei archivierten Konzertmitschnitte ahistorisch zerhackt zwischen die übrigen Filmsequenzen streuen, was jedoch den eindrucksvollen Charakter dieser Auftritte nicht mindert. Das beste Beispiel musikalischer Suggestivkraft liefert der Film freilich eher unfreiwillig: Wenn er zu Aufnahmen von Berliner Trümmerlandschaften die a-Moll-Motivik aus dem zweiten Satz von Beethovens 7. Sinfonie in die Tonspur legt, folgt er damit ebenjenem Heroisierungsmuster, das die Wochenschauen so perfide erfolgreich machte.

Beim "Reichsorchester" hat Sánchez Lansch nicht die besten Bedingungen, seinen genauen und liebevollen Erzählduktus zu zeigen - und dennoch eine der spannendsten Dokumentationen der letzten Zeit produziert.



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HELMUT SCHMIDT - AUßER DIENST


Spiegel Online

Stolz und Bescheidenheit
Von Reinhard Mohr

Die ARD sendet heute Abend ein außergewöhnliches Feature über den Alt-Kanzler Helmut Schmidt. Sandra Maischberger porträtiert darin einen elder statesman, der aus einer anderen Epoche zu stammen scheint - samt Reihenhaus, Kellerbar und eigener Meinung.


Es ist die Saison der alten Männer. Ob Günter Grass oder Martin Walser, ob Dieter Hildebrandt, Richard von Weizsäcker, Heiner Geißler oder Peter Scholl-Latour - sie alle stehen in diesen Tagen wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dabei scheint es fast egal, ob es um eine vermeintliche Mitgliedschaft in der NSDAP, ein neues Buch oder eine polemische Wortmeldung geht. Die Achtzigjährigen sind präsent wie nie - mitten im voll globalisierten Jugendwahn. Und ganz gleich, ob man sich freut oder ärgert - man hört ihnen zu und reagiert auf sie.

Das kann nur einen Grund haben: Es wird sonst, politisch wie intellektuell, nicht allzu viel geboten in Zeiten, da der SPD-Vorsitzende und mögliche Kanzlerkandidat Kurt Beck heißt, der auf seiner jüngsten Afrikareise Weisheiten wie diese verbreitete: "Meine Mutter hat immer gesagt: Die Treppe wird von oben gekehrt."

Wenn das kein Tipp zur Entwicklungshilfe ist.

Helmut Schmidt sagt da lieber etwas anderes: "Es wird ein schlimmes Jahrhundert werden." Er meint das 21., und er meint es ernst. Heute Abend, gleich nach den "Tagesthemen" um 22.45 Uhr, widmet das Erste dem inzwischen 88-Jährigen volle 90 Minuten für ein außergewöhnliches Porträt des Alt-Kanzlers und "Zeit"-Herausgebers. Titel: "Helmut Schmidt außer Dienst". So soll auch sein neues Buch heißen, das 2008 herauskommt.

Über vier Jahre lang haben Sandra Maischberger und Jan Kerhart Helmut Schmidt auf seinen Reisen nach Amerika und China begleitet, Gespräche mit alten Weggefährten wie Henry Kissinger beobachtet und zugleich immer wieder recht intime Momente festgehalten, bei denen sonst meist abgeblendet wird.

Doch auch zu Hause in Hamburg-Langenhorn, am Brahmsee und im brandenburgischen Kloster Chorin haben die Autoren Loki und Helmut Schmidt getroffen. Die meisten Begegnungen stammen aus den Jahren 2003 und 2004, die letzten Szenen aus dem Sommer 2006.

Dies ist nicht Sandra Maischbergers erster Film über Helmut Schmidt, aber wohl ihr bester. Er versucht erst gar nicht, die Lebensstationen brav chronologisch abzuhandeln, Verdienste zu würdigen und die berüchtigten "Zeitzeugen" zu befragen, auch wenn immer wieder biographische Sequenzen mit alten Aufnahmen eingeblendet werden.

Konkurrenzlos nüchtern

In dieser erstaunlich leicht und gleichwohl dicht komponierten Dokumentation geht es vielmehr um eine subtile, von Krankheiten und anderen Imponderabilien immer wieder unterbrochene Annäherung an eine Person, die tatsächlich aus einem anderen Jahrhundert zu kommen scheint. So gegenwärtig und präzise, ja, brillant der Nachfolger Willy Brandts im Kanzleramt sich trotz Gehhilfe und Schwerhörigkeit immer noch präsentiert, so scheint er doch einer anderen Epoche zu entstammen. Nicht nur sein Englisch, etwa während einer Rede vor dem Harvard Club in New York, ist dramatisch besser als das Deutsch aller versammelten Generalsekretäre der Bundestagsparteien. Auch der immerwährende Versuch, Zusammenhänge zu begreifen und beim Namen zu nennen, hat etwas Erfrischendes, selten Gewordenes, Außerordentliches.

Schmidt hat das schon immer gemacht, aber jetzt erst fällt es richtig auf, denn es gibt praktisch keine Konkurrenz mehr auf dem Gebiet einer nüchternen, klaren und dennoch rhetorisch funkelnden Weltbetrachtung - in der politischen Klasse schon gar nicht.

Mag sein, dass dies auch zum Privileg der elder statesmen gehört, die keine Rücksicht mehr nehmen müssen auf Wiederwahl, Parteiposten und die nächste Forsa-Umfrage. Andererseits schließt dies auch grandiose Irrtümer, blühenden Unsinn und steile Fehlprognosen nicht aus. Aber das Bewegendste an diesem Feature, das eben keine "Home-Story" ist, bleibt die biographisch beglaubigte Melancholie der Vernunft, deren historische Siege immer wieder vom irdischen Gang der Dinge bedroht sind, im Großen wie im Kleinen, in der Weltpolitik wie im Privaten.

"War ich ein Optimist?", fragt Helmut Schmidt sich und seine Frau Loki? "Nein. War ich ein Pessimist? Nein." Dann hilft Loki weiter: "Realisten" seien sie beide schon immer gewesen, von Anfang an. Hoffnungsvolle Skeptiker. Wahrscheinlich waren sie es schon 1929, als sie in dieselbe Schulklasse gingen, 1935 erste zarte Küsse tauschten, sich ein paar Jahre später am Berliner U-Bahnhof Nollendorfplatz verlobten und dennoch nicht ahnen konnten, dass sie ein Paar fürs Leben werden würden. "Ganz erstaunlich" sei das, sagt Schmidt nach sechzig Ehejahren in gebotener Zurückhaltung. "Soll erstmal einer nachmachen."

"Das muss man hinnehmen"

Ansonsten aber bleibt es dabei: "Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen." Zweimal geweint habe er wohl im ganzen Leben. Das eine Mal muss im Frühjahr 1945 gewesen sein, als er, Soldat an der Ostfront, Loki glücklich wieder traf.

"Betroffenheit", die Leitkultur der Linken aus den achtziger Jahren, war ihm jedenfalls immer suspekt gewesen. Er hielt es lieber mit Kant und Mark Aurel, dem deutschen Philosophen der Aufklärung und dem römischen Philosophen der Abklärung. Vernunft und Gelassenheit sind Schmidts Leitwährungen bis heute, und auf diesem eher trocken-rationalen Hintergrund wirken einige Filmmomente durchaus melodramatisch, tränendrüsenwirksam. So, als er dem alten Freund Henry Kissinger beim Abschied - womöglich zum letzten Mal - hinterher schaut und dann mit dem Stock wieder ins Hamburger Reihenhaus humpelt, so, wenn er kurz über die fünf Fehlgeburten seiner Frau und den sehr frühen Tod des einzigen Sohnes kurz vor Kriegsende spricht, um zu resümieren: "Das muss man hinnehmen."

Hinnehmen musste er auch, dass er von den Linken in- und außerhalb der SPD gern als bloßer "Macher" abgestempelt wurde, als theorieloser Pragmatiker, der es mit der normativen Kraft des Faktischen hält, kurz: als "Büttel" des kapitalistischen Systems.

Zugegeben und Pardon: Auch mir schien Helmut Schmidts geschäftsmäßige Kälte damals, in den späten siebziger Jahren, geradezu eine Bestätigung dieses Zerrbilds zu sein. Heute bin ich um jeden froh in diesem Lande, der noch klar denken und sprechen kann und es mit Argumenten versucht statt mit ideologischen Ressentiments und kruden Verschwörungstheorien.

Rauchen bis die Feuerwehr kommt

So war Helmut Schmidt auch nie Pazifist im klassischen Sinne, obwohl er in den fünfziger Jahren gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung demonstriert hat. Später initiierte er die Nato-Nachrüstung gegen die sowjetischen SS-20-Raketen, und heute kritisiert er all "jene Leute", vor allem Bush und Co., "die über Krieg und Frieden entscheiden und gar keine Ahnung haben, was Krieg ist".

Seine Lebensweise hat Helmut Schmidt auch nach dem vierten Herzschrittmacher nicht geändert, und so ist er wahrscheinlich der einzige Deutsche, der in einem amerikanischen Restaurant raucht. Jedenfalls so lange, bis die Feuerwehr anrückt.

Respekt ist ihm sowieso wichtiger als Liebe, und die Zuneigung mancher Fans bei öffentlichen Auftritten, die Autogramme und wer weiß was noch haben wollen, nachgerade "lästig". Kardinal Ratzinger, unterdessen Papst geworden, hält er für "rechthaberisch" und moraltheologisch völlig unbefugt, über Liebesbeziehungen, Kinderkriegen und Verhütung zu urteilen, weil er von diesen Dingen ja gar keine Ahnung habe.

Im Grunde ist Helmut Schmidt der letzte Bundesbürger im wiedervereinten Deutschland - mit Reihenhaus, Kellerbar und eigener Meinung.

Ob er Stolz auf seine eigentümlich protestantische Bescheidenheit hege, fragt Sandra Maischberger.

"So ist es richtig gesagt", antwortet Helmut Schmidt.




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Berliner Zeitung


Sandra Maischberger zeigt Helmut Schmidts private Seite.

Viel Willen und noch mehr Zigaretten

Ein außergewöhnliches Porträt über Helmut Schmidt

Björn Wirth

Die erste Zigarette brennt nach zwei Minuten, am Ende dieses anderthalbstündigen Porträts wird sich Helmut Schmidt mehr als zwanzig angesteckt haben. Dass er in dieser Zeit viele kluge Dinge sagen wird, versteht sich von selbst. Aber er wird auch eine Menge von sich preisgeben. Über seinen Vater und seine Kindheit, über seine Frau, die Ehe und Untreue, über Krieg, Tod und Töten, das Siezen von Freunden, über Deng Xiaoping und das Spucken. Und natürlich über das Rauchen. "Ich bin nicht vernünftig, ich tu nur so", sagt Helmut Schmidt am Beginn dieses außergewöhnlichen Films.
Das Besondere daran ist, dass sich die Autoren Sandra Maischberger und Jan Kerhart beschränken. Ihnen geht es nicht um den Politiker und die lückenlose Aufzählung seiner Ämter, sie haben sich den Helmut Schmidt danach vorgenommen. Auch tempomäßig drosselt der Film, hier wird nicht durch die Geschichte gerast, hier werden mit einer im Fernsehen selten gewordenen Langsamkeit Geschichten erzählt. Vier Jahre haben die Autoren Helmut Schmidt immer wieder in seinen Häusern in Hamburg und am Brahmsee besucht und ihn auf Reisen in die USA und nach China begleitet. Die Kamera läuft, wenn sein Freund Henry Kissinger zu Besuch kommt, wenn er sich mit Wolfgang Schäuble trifft und wenn der Altkanzler zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue eingeladen wird. Im Mittelpunkt des Films aber stehen die Gespräche der Autoren mit ihm und seiner Frau Loki.
Und weil sich der Film Zeit nimmt und lässt, entsteht ein klares Porträt mit schönen Erkenntnissen. Wie schaffen Sie das?, erkundigt sich Sandra Maischberger nach der Arbeitslast des 85-Jährigen. "Willen braucht man", sagt Helmut Schmidt. "Und Zigaretten." Beides scheint ausreichend vorhanden.
Helmut Schmidt außer Dienst,
22.45 Uhr, ARD
Berliner Zeitung, 04.07.2007




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FAZ


Mit den Augen eines Sehers

Von Andreas Platthaus
Nur einmal stimmt er vorbehaltlos zu: Helmut Schmidt mit Sandra Maischberger04. Juli 2007
Es ist fast vier Jahre her: Helmut Schmidt sitzt in New York, schräg vor ihm Wolfgang Schäuble. Schmidt, damals vierundachtzig Jahre alt, ist zu seinem letzten großen Besuch in die Vereinigten Staaten gekommen, und seine Besuchsliste enthält auch den seinerzeitigen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der CDU, der gleichzeitig auf politischer Mission in New York ist. Der Herbst 2003 steht im Zeichen des Sieges der Amerikaner im Irak und von dessen Folgen. Die beiden Deutschen sprechen über Krieg. Schmidts Augen blicken plötzlich weg von Schäuble, direkt in die Kamera und doch unendlich weit in die Ferne. Er sagt: „Das hat mich in den letzten Monaten etwas besorgt gemacht, dass hier Leute über Krieg und Frieden entscheiden, die keine Erfahrung mit dem Krieg haben.“


Es ist ein gespenstischer Moment in der Fernsehdokumentation „Helmut Schmidt außer Dienst“, die Sandra Maischberger und Jan Kerhart gemeinsam gedreht haben. Gespenstisch nicht, weil Schmidt etwas ausgesprochen hätte, das uns überraschen könnte - es gehörte immer zu seinem Begriff von Rationalität, dass Erfahrung mehr zählt als Theorie. Sondern gespenstisch, weil Schmidt mit den Augen eines Sehers zu uns spricht: „Es wird ein schlimmes Jahrhundert werden“, murmelt er. Gespenstisch aber auch, weil seine Bemerkung es an der gängigen Politikerhöflichkeit fehlen lässt, denn wenige Augenblicke zuvor erst hatte Schäuble den Generationenunterschied zwischen den beiden Männern damit erläutert, dass er keine Erinnerung an den Krieg habe. Nolens volens gibt Schmidt seinem Gesprächspartner zu verstehen, dass dessen Aufenthalt in New York zu diesem Zeitpunkt nutzlos sei. Wer nicht den Krieg erlebt hat, soll vom Kriege schweigen.

Helmut Schmidt hat den Krieg erlebt, und seine Erinnerungen daran sowie an die ersten Jahre seiner Ehe mit Loki Schmidt zählen zu den beeindruckendsten Passagen des Porträts, das trotz des Titels genauso Frau Schmidt gewidmet ist. Der Altkanzler macht kein Hehl daraus, dass er über Leichen gehen musste, auch wenn er als Flaksoldat die toten Gegner nicht sah. Etwas von dieser Einstellung hat Schmidt heute wieder eingeholt: Seine bittere Ungeduld ist typisch für alternde starke Charaktere. Kaum eine Aussage der allerdings auch impertinenten Sandra Maischberger bleibt unwidersprochen. Nur einmal stimmt er vorbehaltlos zu. Auf die Frage, ob er einen gewissen Stolz auf seine Bescheidenheit hege, antwortet Schmidt: „So ist es richtig gesagt.“


Das ist aus seinem Munde ein Kompliment von hohem Rang, denn für Schmidt zählt immer nur die Tat. Deshalb ist es so schwierig, einen Film auf Unterhaltungen mit ihm aufzubauen. Schmidt agiert, er schauspielert. Wenn ihm eine Frage zu dumm ist, wendet er sich ab: „Es wird kalt hier. Wir sollten nach Hause gehen.“ Loki Schmidt ist anrührender, weil sie keine Antwort schuldig bleibt. Bei ihr fasziniert die rücksichtslose Ehrlichkeit, bei Schmidt die ehrliche Rücksichtslosigkeit.


Der Film widerlegt ihn


Begonnen haben die Dreharbeiten zu dem Doppelporträt vor mehr als fünf Jahren, und der Schwerpunkt des Materials stammt von 2003 und 2004. Warum die Fertigstellung so lange gedauert hat, kann man erahnen, weil immer wieder die labile Gesundheit der Schmidts zur Sprache kommt. Immerhin haben Maischberger und Kerhart der Versuchung widerstanden, die drohenden Lücken durch Befragung von Weggefährten zu füllen. Was dabei herausgekommen wäre, zeigen die Taktlosigkeiten von Theo Sommer, die ihren Weg in den Film gefunden haben.


Zweimal, darauf einigt sich das Ehepaar Schmidt, habe Helmut Schmidt in seinem Leben geweint, beide Male aus Freude. Er neige nicht zu Wehmut, sagt er bei seiner Abreise aus Amerika. Doch der Film widerlegt ihn - erfreulicherweise unkommentiert, ganz im Vertrauen auf die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Nach einem Besuch von Henry Kissinger im Hamburger Bungalow bringt ihn Helmut Schmidt ans Auto. Diesmal geht sein Blick aus der Kamera weg, dem abfahrenden Kissinger hinterher. Schmidt weiß, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte, dass er den Freund sah. Diese verzweifelte Einsicht berührt mehr als alle seine Weisheiten zur Weltpolitik.
Heute Abend um 22.45 Uhr im Ersten.
Text: F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite 36


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Tagesspiegel


Hanseatischer Guru


„Eine Hommage“ sei es geworden, sagt Sandra Maischberger über ihren Film, und so ist am Anfang Schlimmes zu befürchten. Der letzte Staatsmann mit Format, der Einzige, der den Überblick behalten hat, immer noch auf Achse, nie außer Dienst, stets mitten im Weltgeschehen, ob in den USA oder China, stoisch und eigensinnig, spröde und charmant – Helmut Schmidt, wie ihn alle kennen und mögen, aus der Perspektive einer Bewunderin. Dazwischen sieht man Aufnahmen von der Entstehung einer Schmidt-Büste – hier soll offenbar ein Denkmal gesetzt werden. Doch dann kommt es anders. Ein Film über das Altwerden entfaltet sich und darüber, wie man 65 Jahre lang in Würde verheiratet sein kann.

„Ich klapper von oben bis unten“, sagt der 88-Jährige, der einen Stock zum Gehen braucht und fast taub ist, „aber das Gehirn funktioniert noch prima. Dummerweise muss ich jetzt mit diesem scheiß beschädigten Ohr hören.“ Auch wenn Emotionen, wie Schmidt sagt, nicht seine starke Seite sind, spürt man seine Wut über die Zumutungen des Alters. Mit dem vierten Herzschrittmacher und beständigem Zigarettenrauchen schätzt er seinen Gesundheitszustand in gewohnt realistischer Manier ein: „Es kann gut sein, dass ich morgen oder übermorgen abgerufen werde.“ Als er im Mai 2007 durch Asien reist, hat seine Frau Loki einen Schwächeanfall. Was wird sein, wenn einer von beiden stirbt, fragt Sandra Maischberger. Antwort gibt Theo Sommer, ehemaliger „Zeit“-Herausgeber und enger Freund der Schmidts. Hanseatisch zurückhaltend sagt er, dass der eine dem anderen wohl bald nachsterben werde. Sommer beschreibt die stabile Ehe der beiden und deutet diskret an, dass Helmut nicht immer treu, Loki aber stets bewundernswert loyal war. Auch ihre Fehlgeburten und den früh verstorbenen kleinen Sohn spricht Maischberger in den Interviews an, was gerade wegen Helmut Schmidts reservierter Art sehr intensive Momente sind.

Die Inszenierung übernimmt Schmidt selbst

Fünf Jahre lang hat die Journalistin mit ihrem Mann, dem Kameramann Jan Kerhart, den Ex-Kanzler auf Reisen begleitet und in Hamburg und im Ferienhaus am schleswig-holsteinischen Brahmsee besucht. Dabei entstehen die interessantesten Gespräche, wenn Maischberger es wagt, an dem Denkmal zu kratzen. In einer Szene sitzen die beiden an der Hausbar. Schmidt erzählt, dass er gerade ein Buch des Papstes lese und ihn in Sachen Sexualität sehr rechthaberisch finde. „Dann haben sie ja schon etwas gemeinsam“, sagt Maischberger. In den Situationen, in denen Schmidt schweigt oder nur raucht, schafft die Kamera eine dichte Atmosphäre. Jan Kerhart, der schon Helmut Kohl porträtierte, macht diese unaufgeregten Bilder, die bei aller Intimität immer eine gewisse Distanz wahren. Inszenierungen sind nicht seine Sache.

Die übernimmt Schmidt lieber selbst. Zu einem amerikanischen Senator sagt er augenzwinkernd: „We are good pretenders.“ Dass er nicht nur ein guter Staatsmann, sondern auch ein guter Staatsschauspieler war, bestätigt Theo Sommer. In der „Zeit“-Redaktion hingegen ist Schmidt bei den Konferenzen offenbar eine Art Guru, der die Diskussion der aufgeregten Herren pragmatisch in einem Schlusswort zusammenfasst. Sandra Maischberger, die bereits für das Buch „Hand aufs Herz“ vier Gesprächsrunden mit Helmut Schmidt moderierte, ist trotz aller Bewunderung ein spannender Film gelungen. 90 Bänder zu je 45 Minuten wurden in fünf Jahren gedreht. Stoff genug für ein weiteres Stück.