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Preis der Deutschen Schallpkattenkritik

Bestenliste 3 - 2014

Paths Through The Labyrinth
The Composer Krzysztof Penderecki

Ein Film von Anna Schmidt.
DVD / Blu-ray, C Major 715408 / 715504 (Naxos)

Krzysztof Penderecki strahlt auch mit achtzig Jahren große Vitalität und Unternehmungs­lust aus. Anna Schmidts subtiles Porträt gibt Einblick in seine Arbeitsweise und sein Denken, zeigt biographische Sprünge, Brüche und Widersprüche auf, erzählt von seiner Neigung zur Einsamkeit, von seiner Naturverbundenheit. Das Labyrinth im großen botanischen Garten, den Penderecki rund um sein Landhaus angelegt hat, kann als Symbol für den ungewöhnlichen künstlerischen Weg dieses Komponisten aufgefasst werden: vom radikalen Neutöner, der im Protest gegen das herrschende System seine eigene Avantgarde war, zu einem Tonsetzer, der sich wieder zur Melodie bekennt und längst ein Klassiker der Moderne geworden ist. (Für die Jury: Helge Grünewald)




Zum 80. Geburtstag

WEGE DURCHS LABYRINTH

Der Komponist Krzysztof Penderecki

Der große polnische Komponist und Dirigent Krzysztof Penderecki feierte am 23. November seinen 80. Geburtstag. Schon vorab zeigte Filmemacherin Anna Schmidt am 12. November ihr Porträt des Künstlers in Leipzig. Sie begleitete ihn über ein ganzes Jahr hinweg, befragte Weggefährten wie Regisseur Andrzej Wajda und Geigerin Anne-Sophie Mutter. Keine Bilanz, sondern ein "Work in Progress" stelle der Film dar, sagt die Autorin: Denn schließlich sei Penderecki - trotz einiger Jahresringe - ein unerschütterlich aktiver Schöpfer zeitgenössischer Musik! Lesen Sie hier das Porträt und sehen Sie den Porträtfilm in der Mediathek.

Selbst wer noch nie seinen Namen gehört hat, kennt seine Musik: Die Soundtracks von Filmen wie "The Shining"von Stanley Kubrick, "Shutter Island" von Martin Scorsese, David Lynchs "Wild At Heart" oder Andrzej Wajdas "Katyn" wurden von Penderecki geschaffen. Seine Festival-Auftritte mit dem Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood in Polen und in England vor 50.000 Besuchern im vergangenen Jahr machten ihn bei einem jungen Publikum bekannt.

Somit ist er wohl einer wenigen zeitgenössischen Komponisten, dessen Werke überall auf der Welt gespielt werden. Auch in Leipzig. Am 6. Januar kam seine neueste Komposition zur Aufführung: Als Abschluss des Thomanerfestjahres und zum Auftakt seines Jubiläumsjahres schrieb Penderecki eine Messe für den Thomanerchor.

Vor dem Konzert des MDR-Orchesters im März 2013 in Warschau mit MDR-Chefdirigent Kristian Järvi und Violonist Jarosław Nadrzycki
Mehrfach arbeitete Penderecki auch mit dem MDR SINFONIEORCHESTER und dem MDR RUNDFUNKCHOR zusammen: Zu den Werken, mit denen sich das MDR-Orchester unter seinem neuen Chefdirigenten Kristjan Järvi auf seiner ersten Auslandstournee im März in Polen präsentierte, Pendereckis 2. Violinkonzert. Dazu hat das MDR SINFONIEORCHESTER eine besondere Verbindung, fand die Uraufführung doch gemeinsam mit Geigerin Anne-Sophie Mutter und unter Mariss Jansons 1995 in Leipzig statt. 2011 dirigierte Penderecki selbst sein "Polnisches Requiem" in Leipzig.
Zwischen Tradition und Moderne

Über sich selbst sagt Krzysztof Penderecki, er sei einer der letzten Vertreter der großen Form. Er arbeite so wie ein Komponist des 19. Jahrhunderts, der alles können musste, nicht nur Sinfonien, Opern, Oratorien, Konzerte und Kammermusik, sondern auch das Dirigieren. 

Penderecki wurde am 23. November 1933 in Dębica bei Rzeszów geboren. Sein Vater, ein Rechtsanwalt und begeisterter Violinspieler, brachte ihn zwar schon früh mit Musik in Berührung. Doch zunächst zeigte er weder großes Interesse noch eine besondere Begabung. Erst als ihm eine Schulfreundin zum Namenstag einige Bach-Sonaten schenkte, änderte sich das. Der junge Penderecki entdeckte nicht nur seine Liebe zu Bach, sondern auch zu Prokofjew und Schostakowitsch. Mit 18 Jahren wurde Penderecki in das Krakauer Konservatorium aufgenommen und studierte nebenbei Philosophie, Kunst- und Literaturgeschichte an der Jagiellonen-Universität. In dieser Zeit beschäftigte er sich ausgiebig mit den Zwölftonmusikern Anton Webern und Pierre Boulez, die sein Frühwerk deutlich prägten. 1959 nahm er unter verschiedenen Namen mit gleich drei Stücken beim II. Wettbewerb Junger Komponisten (Konkurs Młodych Kompozytorów) in Warschau teil. Er gewann den ersten und noch zwei weitere Preise. Mit einem Schlag war er berühmt.

Kaum 30 Jahre alt, zählte Penderecki Ende der 1950er-Jahre zu den wichtigsten Vertretern der Avantgarde. Ungewöhnliche Klang- und Geräusch-Experimente zeichneten auch seine wohl bekannteste Komposition, die "Lukas-Passion" von 1966 aus. Dieses Vokalwerk begründete seinen Weltruhm als Komponist. Als Penderecki 1977 sein erstes Violinkonzert der Weltöffentlichkeit vorstellt, staunt die Fachwelt über die neuen "romantischen" Klänge. Seine Wandelbarkeit macht ihn bis heute zu einem der erfolgreichsten Komponisten.




Geschichte im Ersten:

AGFA 1939

Meine Reise in den Krieg

Ein Film von Michal Wnuk

Am Anfang ist diese Kiste, eine Agfa-Kiste: 120 Fotos und zwei Amateurfilme aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Entdecker, der Filmemacher Michal Wnuk, glaubt zum ersten Mal den Krieg durch die Augen seines Großvaters sehen zu können. Michal Wnuk ist Pole – doch sein Großvater diente als Arzt in der Wehrmacht, er stand auf der "anderen Seite". Schnappschüsse des KriegesDie Fotos zeigen Kriegsgefangene in Frankreich und Russland – und den Warschauer Aufstand 1944 aus deutscher Sicht. Schnappschüsse des Krieges, Erinnerungen in schwarz-weiß. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, der Großvater kann die Fotos nicht gemacht haben; denn er war nicht an diesen Kriegsschauplätzen. Michal Wnuk macht sich auf die Suche nach der Herkunft der Fotos. Er entdeckt, dass sein Großonkel, Angehöriger der polnischen Heimatarmee, Besitzer des Kartons war. Wie ist er in seine Hände gekommen? Ist er eine Kriegsbeute? Beweismaterial? Auch die 16-mm-Filme geben Rätsel auf: Die Agfa-Aufnahmen zeigen einen Ausflug am Vorabend des Krieges, im Sommer 1939. Wer sind die Menschen auf den Bildern? Was wurde aus ihnen? Seine Suche nach der Herkunft der Bilder führt Michal Wnuk schließlich nach Deutschland. Geschichtskrimi voller RätselDie deutsch-polnische Koproduktion ist ein Geschichtskrimi, voller Rätsel und überraschender Wendungen. Ein privater Fund wird zum Resonanzkörper großer Geschichte.




Richard Strauss - Am Ende des Regenbogens

Musikfilm von Eric Schulz über das Schaffen des großen Künstlers

Österreich 2014

Avantgardist, bürgerlicher Konservativer, genialischer Vollender - Richard Strauss zählt zu den interessantesten Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit. Der neue Musikfilm von Eric Schulz ("Spuren ins Nichts - Der Dirigent Carlos Kleiber", "Karajan - Das zweite Leben") eröffnet mit teils unveröffentlichten Archivdokumenten und erstklassigen Interview-Partnern einen neuen Blick auf Persönlichkeit und Schaffen von Richard Strauss, der sich selbst als letzten großen Komponisten "am Ende des Regenbogens" sah.
Die sorgfältig recherchierte Produktion enthält einige nie zuvor gezeigte Bild-Aufnahmen mit Richard Strauss am Dirigentenpult. So konnte einer tonlosen Filmrolle mit Richard Strauss' Aufnahme der "Alpensinfonie" eine passende Musikaufnahme zugeordnet werden: damit ist diese historische Filmaufnahme erstmals mit Ton zu erleben. Ein besonderer Coup ist der Fund einer Filmrolle, die den Ton der am 2. August 1936 mit den Berliner Philharmonikern und 1000 Chorsängern (Leitung: Richard Strauss) im Berliner Olympiastadion uraufgeführten Olympischen Hymne enthält, die hiermit erstmals im Originalton vorliegt. Darüber hinaus ist Richard Strauss in einem erstmals veröffentlichten Interviewausschnitt sowie als öffentlicher Redner zu erleben. Der Dokumentarfilm bietet zudem den einzigen erhaltenen Probenausschnitt mit Richard Strauss bei der Orchesterarbeit.

Mit Brigitte Fassbaender, Klaus König, Raymond Holden, Christian Strauss, Walter Werbeck, Emma Moore und anderen.


02.07.2014


Deutsch-Französischer Journalistenpreis (DFJP)
für SUPERFRAUEN GESUCHT  Arte / WDR

Heute Abend wurde im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin der Deutsch-Französische Journalistenpreis (DFJP) in den Kategorien Nachwuchs, Multimedia, Audio, Video und Textbeitrag verliehen. Mit dem Deutsch-Französischen Medienpreis, der ebenfalls zum DFJP gehört, wurde Valéry Giscard d’Estaing geehrt. Der ehemalige französische Staatspräsident nahm die Auszeichnung auch stellvertretend für Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt entgegen, der der Zeremonie nicht beiwohnen konnte.

Sabine Jainski und Ilona Kalmbach für „Superfrauen gesucht – Im Spagat zwischen Arbeit, Kindern und Pflege der Eltern“ (WDR/ARTE, Kategorie Video)




DUMM GEBOREN UND NICHTS DAZUGELERNT?


Intelligenzforschung zwischen Rassismus und flexiblen Erbanlagen

3sat 10.04.2014, 20.15 Uhr

Gibt es geborene Verlierer und solche, denen alles bereits in die Wiege gelegt wurde? Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin behauptet: "Intelligenz ist erblich. Darum ist es nicht egal, wer die Kinder bekommt."
Er glaubt, zu 80 Prozent seien die Gene verantwortlich, weshalb er Probleme bei türkischen oder allgemein muslimischen Immigranten sieht. Diese Bevölkerungsgruppen seien einerseits unterdurchschnittlich intelligent, andererseits aber sehr gebärfreudig, dadurch nehme der Intelligenzquotient allmählich ab, behauptet Sarrazin und sieht seine Thesen in der Wissenschaft bestätigt.

Renommierte Intelligenzforscher wie Elsbeth Stern von der ETH Zürich widersprechen jedoch Sarrazins Verdummungsthese. Sie sagt: "Eltern und Kinder zeigen nur eine mittelhohe Übereinstimmung im Intelligenzquotienten. Unterdurchschnittlich intelligente Eltern können überdurchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt." Erst wenn die sozialen Bedingungen für alle Kinder gleich gut seien, könnten die Gene ihre Macht ausspielen.

Die Intelligenzforschung wurde von Beginn an dazu benutzt, Menschen unterschiedlicher Abstammung zu vergleichen und zu bewerten. Und sie wurde oft missbraucht. Laut Populationsgenetiker Diethard Tautz werden Eigenschaften grundsätzlich unabhängig voneinander vererbt. Eine Kopplung zwischen Intelligenz und Hautfarbe sei nicht nachweisbar. Intelligenz sei wandelbar und kann in hohem Maß durch Umwelteinflüsse modifiziert werden.

Die Wissenschaftsdoku unternimmt der Afrodeutsche John Amoateng Kanta eine Bildungsreise in Sachen Intelligenzforschung und spricht einerseits mit Thilo Sarrazin und andererseits mit renommierten Wissenschaftlern wie Elsbeth Stern, Diethard Tautz, Christian Fischer und Richard Nisbett.

Regie: John Kantara





ADAMSHOFFNUNG  112

Jeder sechste ist hier in der Feuerwehr, freiwillig. Zehn Frauen, fünfzehn Männer, von denen die meisten nur am Wochenende zu Hause sind. Arbeit gibt’s im Westen und anderswo. Wochentags brennt es also besser nicht, da kriegen sie kaum einen Zug zusammen. Nachwuchs wird gesucht. In diesem Jahr wird die Wehr 65 und die Wache neu gestrichen. Einer feiert seinen Fünfzigsten, ein anderer wird Löschmeister. Die Frauenmannschaft will den Amtsausscheid wieder gewinnen. Es brennt ein Schuppen und ein Baum kippt um. Eigentlich ist alles wie immer in der Müritz. Der Film erzählt die Geschichte einer abseits gelegenen Feuerwache in einer abseits gelegenen Gegend – die der FFw Adamshoffnung. Er begleitet drei Generationen von Menschen mit Allgemeinsinn durch vier Jahreszeiten. 

Regie: Jean Boué



Grimme-Preis-Nominierung für

Auf der Suche nach Peter Hartz
(ARD/SWR/WDR)

Buch/Regie: Lutz Hachmeister
Kamera: Thomas Schäfer, Dirk Wojcik, Hajo Schomerus
Schnitt: Thomas Wellmann
Ton: David Finn, Stavros Charitidis
Produktion: Eco-Media
Redaktion: Thomas Michel (SWR), Mathias Werth (WDR)
Erstausstrahlung: Montag, 14.11.2011, 22.45 h
Sendelänge: 44 Min.  


Mit dem Namen Peter Hartz verbindet man die größte Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. In dem Film von Lutz Hachmeister wird er zum ersten Mal in einer großen Fernsehdokumentation Stellung beziehen. Der Film von Lutz Hachmeister zeichnet das Leben eines Mannes nach, der auf spektakuläre Weise seinen Namen an die Gesellschaft verlor.




Presse zu "Auf der Suche nach Peter Hartz"

STERN

Peter Hartz hat den Pferden auf der Koppel lange zugesehen, dann wendet sich der 70-Jährige zum Gehen. "So ist es gut", sagt er. Der letzte Satz der Dokumentation "Auf der Suche nach Peter Hartz" ist so überraschend unaufgeregt wie der Protagonist selber. Einer wie Hartz rechnet nicht ab. "Das ist ein harmoniesüchtiger Saarländer", schildern ihn seine Weggefährten in dem 45-minütigen Film von Lutz Hachmeister, der an diesem Montagabend in der ARD läuft. Dabei hätte Hartz allen Anlass, bissiger zu sein, bitterer auf seinen tiefen Fall zurückzublicken - vom Arbeitsmarktreformer und VW-Personalvorstand zum Buhmann der Nation.
Für die Dokumentation, produziert von SWR und WDR, hat Hartz sein jahrelanges Schweigen vor der Kamera gebrochen. Doch daraus wird keine tiefschürfende Analyse der Ränke und Intrigen im Umfeld der Mächtigen, daraus wird über weite Strecken eher eine sozialpolitische Geschichtsstunde: Der Saarländer, der auszog, der Arbeitslosigkeit das Fürchten zu lehren. So, als er mithalf, die Belegschaft der Stahlindustrie im Saarland von 39 000 (1975) auf 11 000 (1993) zu senken - ohne eine einzige Entlassung. So, als er 1993 zum krisengeschüttelten VW-Konzern kam und mit geschmeidiger Hand eine Vier-Tage-Woche schuf, die die Kosten beim Wolfsburger Autobauer ohne milliardenschwere Abfindungen drückte.
Kanzler Gerhard Schröder (SPD) machte 2002 angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen den Vertrauten zum Kommissionsvorsitzenden. Hartz lieferte, auch wenn er über die konkreten Folgen nicht immer glücklich war. "Unser Vorschlag zur Grundvergütung beim Arbeitslosengeld II lag bei 511 Euro", vergleicht er den Wunsch mit der Wirklichkeit von 364 Euro.
Fahrt nimmt der Film in der VW-Affäre um Schmiergelder und Sexpartys auf. 2005 versucht der neue niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) den Skandal zum Anlass zu nehmen, das "System VW" mit seinen wechselseitigen Abhängigkeiten von Management und Arbeitnehmervertretung auszuhebeln. Hartz, der später im Prozess einräumt, den Betriebsrat mit Geld auf Linie gehalten zu haben, wird von Interviewten eher als "Sündenbock" eingestuft. Niemand außer ihm habe die Verantwortung übernommen. Als er 2007 beim Landgericht Braunschweig seinen Prozess hat, ist alles für eine diskrete Zufahrt zum Nebeneingang vorbreitet. Doch Hartz wählt bewusst den Haupteingang, lässt sich wüst beschimpfen. Heute hilft Hartz immer noch. Er schult im Saarland Menschen, die sich selbstständig machen wollen.


14.11.201

 SPIEGEL.de

Hartz-Porträt in der ARD
Auch Du, mein Sohn Oskar?

Von Christian Buß

Das Manager-Porträt als Tragödie: In seinem Film "Auf der Suche nach Peter Hartz" zeichnet Lutz Hachmeister den Ex-VW-Vorstand und Namenspatron der Arbeitsmarktgesetze als Opfer guter Ambitionen - und böser politischer Widersacher wie Christian Wulff und Oskar Lafontaine.

Man kann von Peter Hartz halten, was man will: Schweigen kann er. Ein gutes halbes Jahrzehnt hat er jede Kamera gemieden, vor der er sein Handeln hätte erklären können. Dafür nahm er bei Gerichtsverhandlungen, wo auf der Straße aufgebrachte Demonstranten auf ihn warteten, um ihn zu beschimpfen, den Haupteingang.


Den Mund halten, um sich abwatschen zu lassen - das ist das Gegenteil von dem, wie sich andere in Verruf geratene Politiker und Manager aus der Affäre zu ziehen pflegen. Die nehmen den Hintereingang, um sich ungestört eine Kamera zu suchen, um ihre Version der Ereignisse zu erzählen.

Ist Peter Hartz also einfach nur stur, oder hat er Größe?
Folgt man Lutz Hachmeisters TV-Porträt "Auf der Suche nach Peter Hartz", hat er Größe. Seine filmische Annäherung an den Mann, der mit seinem Namen sowohl für einen der größten Unternehmensskandale der Nachkriegsgeschichte als auch die wichtigste Arbeitsmarktreform steht, ist als Tragödie mit Peter Hartz als umfassend und ausweichlich scheiternden Helden angelegt. Eine sauber gearbeitete Dramaturgie - in der sich die Hauptperson gut aufgehoben fühlen dürfte, weil sie eben das tut, was sie am besten kann: schweigen.
Alleine die Szene, wo ihn der Filmemacher mit den Tiraden konfrontiert, mit der der Linke-Politiker Oskar Lafontaine ihn nach der Verabschiedung der Hartz-IV-Gesetze auf Kundgebungen traktierte. Die beiden Saarländer Lafontaine und Hartz hatten Anfang der achtziger Jahre, in der Krise der Montan-Industrie, den schwierigen Strukturwechsel in ihrem kleinen Bundesland relativ sozialverträglich durchgeführt; der eine als blutjunger Ministerpräsident, der andere als erfahrener Personalrat der Dillinger Hütte, dem wichtigsten Stahlwerk der Region.
Zerrieben zwischen den Fraktionen
Und was tat Lafontaine 25 Jahre später? Verunglimpfte Hartz als Sozialmonster! Hartz' Reaktion im ARD-Film: Ein großes tonloses Aufstöhnen, das aus der Tiefe seines verdüsterten Herzens zu kommen scheint. Auch Du, mein Sohn Oskar?
Erstaunlich, wie wenig Konkretes uns Peter Hartz mitzuteilen hat. Dabei ist Lutz Hachmeister ( "Sozialdemokraten") ein Filmemacher, in dessen Gegenwart die Vertreter oder Ex-Vertreter der Macht zuweilen recht redselig werden. Hier aber lässt er sich auf den Koppeln der Saarländer Landschaft ein bisschen von der harten Arbeiter-Kindheit erzählen und beobachtet den jetzt 70-jährigen Hartz, wie er in Gemeindezentren Arbeitslosen unter die Arme greift. Sein neues Konzept: Minipreneur, eine Art Weiterführung der Ich-AG-Idee.
Leute in Arbeit bringen zu wollen, das war nach Hachmeisters Deutung immer das große Glück von Hartz. Und eben das große Unglück. Als Kind eines Hütten-Malochers war für ihn der Zustand in "Arbeit zu sein" immer das höchste Gut eines Menschen. Und bei seinem Aufstieg als Arbeitsbeschaffer hat er sich, so die Erzähllinie des ARD-Films, in Machtkonstellationen verstrickt, die er irgendwann nicht mehr kontrollieren konnte. Tragisch eben.
Als Vorstand von VW zerrieb er sich demnach zwischen den Fraktionen Ferdinand Piëch und IG-Metall auf der einen Seite sowie Bernd Pischetsrieder und Christian Wulff auf der anderen. Schmiergeld und Lustreisen hatte er demnach nur mitgetragen, um VW als Arbeitgeber für die Arbeitnehmer am Laufen zu halten. Und als Namenspatron der Hartz-IV-Reform stand er auf einmal als Erfinder eines Gesetzes dar, dessen Finalversion er so gar nicht formuliert hatte.
Einsam im 13. Stock
Das ist denn auch die einzige Stelle in Hachmeisters Porträt, in der Hartz ganz konkret wird und Summen nennt, die er als Hartz-IV-Regelsatz vorgeschlagen hat. Ansonsten gibt er wenig preis; versucht nicht, sein Handeln zu legitimieren. Muss er ja auch nicht, fast alle alle, die in der Doku zu Wort kommen, verteidigen ihn und zeichnen ihn als Opfer der eigenen guten Ambitionen. Wenn nicht gar als Opfer des intriganten Polit- und Wirtschaftsbetriebs.


So werden selbst Hartz' eigene Verstrickungen in den Rotlichtsumpf während der VW-Affäre aufs Menschlichste wegargumentiert: Nie, so sagt Wolfgang Kubicki (FDP), der in der VW-Untersuchungen als Anwalt involviert war, würde Peter Hartz für eine Frau bezahlen, dafür würde er viel zu sehr gemocht werden.

Als Höhepunkt dieser tragischen Verstrickung wird die Nacht beschrieben, nachdem die "Bild"-Zeitung Hartz' Affäre mit einer brasilianischen Prostituierten enthüllt hatte. Der tragische Held sitzt alleine im 13. Stock seines VW-Vorstandsbüros; der Chef der Werkssicherheit ist der einzige, der vorbeischaut - um ihn seinen Schweizer Armeerevolver abzunehmen.
Das tödliche Finale der Tragödie ist also ausgeblieben. Am Ende sieht man Hartz im - klar - VW durch die saarländischen Gemeinden fahren, um in kleinen Kaffeerunden seine Idee von den Minipreneurs zu verbreiten. So macht Peter Hartz am Ende dieser sonderbar widerspruchsfreien TV-Biografie, was er immer getan hat. Leute in Arbeit bringen. Was denn sonst.


WAZ online

Peter Hartz spricht über die VW-Affäre

„Auf der Suche nach Peter Hartz“ – unter diesem Titel zeigt der WDR im dritten Programm am Montag, 14. November, von 22.45 bis 23.30 Uhr eine Dokumentation. Das Interessante daran: Das erste Mal seit Jahren zieht Hartz darin selbst Bilanz.

Peter Hartz hat den Pferden auf der Koppel lange zugesehen, dann wendet sich der 70-Jährige zum Gehen. „So ist es gut“, sagt er. Der letzte Satz der Dokumentation „Auf der Suche nach Peter Hartz“ ist so überraschend unaufgeregt wie der Protagonist selber. Einer wie Hartz rechnet nicht ab. „Das ist ein harmoniesüchtiger Saarländer“, schildern ihn seine Weggefährten in dem 45-minütigen Film von Lutz Hachmeister an diesem Montag (22.45 Uhr) in der ARD. Dabei hätte Hartz allen Anlass, bissiger zu sein, bitterer auf seinen tiefen Fall zurückzublicken - vom Arbeitsmarktreformer und VW-Personalvorstand zum Buhmann der Nation.
Für die Dokumentation, produziert von SWR und WDR, hat Hartz sein jahrelanges Schweigen vor der Kamera gebrochen. Doch daraus wird keine tiefschürfende Analyse der Ränke und Intrigen im Umfeld der Mächtigen, daraus wird über weite Strecken eher eine sozialpolitische Geschichtsstunde: Der Saarländer, der auszog, der Arbeitslosigkeit das Fürchten zu lehren. So, als er mithalf, die Belegschaft der Stahlindustrie im Saarland von 39.000 (1975) auf 11.000 (1993) zu senken - ohne eine einzige Entlassung. So, als er 1993 zum krisengeschüttelten VW-Konzern kam und mit geschmeidiger Hand eine Vier-Tage-Woche schuf, die die Kosten beim Wolfsburger Autobauer ohne milliardenschwere Abfindungen drückte.
Kanzler Gerhard Schröder (SPD) machte 2002 angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen den Vertrauten zum Kommissionsvorsitzenden. Hartz lieferte, auch wenn er über die konkreten Folgen nicht immer glücklich war. „Unser Vorschlag zur Grundvergütung beim Arbeitslosengeld II lag bei 511 Euro“, vergleicht er den Wunsch mit der Wirklichkeit von 364 Euro.
Fahrt nimmt der Film in der VW-Affäre um Schmiergelder und Sexpartys auf. 2005 versucht der neue niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) den Skandal zum Anlass zu nehmen, das „System VW“ mit seinen wechselseitigen Abhängigkeiten von Management und Arbeitnehmervertretung auszuhebeln. Hartz, der später im Prozess einräumt, den Betriebsrat mit Geld auf Linie gehalten zu haben, wird von Interviewten eher als „Sündenbock“ eingestuft. Niemand außer ihm habe die Verantwortung übernommen. Als er 2007 beim Landgericht Braunschweig seinen Prozess hat, ist alles für eine diskrete Zufahrt zum Nebeneingang vorbreitet. Doch Hartz wählt bewusst den Haupteingang, lässt sich wüst beschimpfen.
Heute hilft Hartz immer noch. Er schult im Saarland Menschen, die sich selbstständig machen wollen.


Tagesspiegel

Dokumentation Der Sündenbock

Die ARD zeigt Lutz Hachmeisters halbierten Film „Auf der Suche nach Peter Hartz“. Eine filmische Ehrenrettung.

Namen können wirklich ein Fluch sein. „Hätte ich Leutheusser-Schnarrenberger geheißen, wäre mir das Schicksal auch erspart geblieben“, sagt Peter Hartz. Das „Schicksal“ des ehemaligen VW-Personalvorstands ist, dass sein Name untrennbar mit der rot-grünen Arbeitsmarktreform verbunden ist, vor allem mit dem umstrittenen Teilpaket Hartz IV. Und dann flog noch die Schmiergeldaffäre bei VW auf. Betriebsratschef Klaus Volkert und andere waren mit Geld und Sex auf Kosten des Konzerns bei Laune gehalten worden. Als einziger aus der Vorstandsetage wurde Peter Hartz verurteilt, wegen Untreue zu einer Geld- und einer zweijährigen Bewährungsstrafe.
Aus dem gefeierten Kämpfer gegen die Arbeitslosigkeit ist ein vorbestrafter Exmanager geworden, dessen Name nach sozial ungerechter Politik klingt. Was für ein Absturz.
Seit dem „medialen Tsunami“ (Hartz) rund um die VW-Affäre hat er geschwiegen, „jetzt wird er reden“, heißt es bedeutungsschwer in Lutz Hachmeisters Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Peter Hartz“. Aber allzu viel sagt Hartz nicht. Das katholische SPD-Mitglied aus dem Saarland verteidigt sich und klagt ein bisschen, ärgert sich auch über sich selbst, bleibt jedoch gegenüber den ehemaligen Bundesgenossen loyal. „Ungeheuerlich“ sei das gewesen, wie das gespielt wurde, sagt er ganz allgemein und meint damit wohl seine Erfahrungen mit der Berliner Politik. Persönlich verletzt zeigt er sich nur beim Stichwort Oskar Lafontaine: Mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten des Saarlands verbindet den 70-Jährigen eine lange gemeinsame Geschichte. Als Linken-Chef zog Lafontaine dann gegen die Vorschläge der Hartz-Kommission zu Felde. „Unmöglich, unmöglich“, stammelt Peter Hartz im Film empört. Dabei distanziert er sich selbst von dem, was die Politik aus seinen Vorschlägen gemacht hat. 511 Euro sei der Ausgangsvorschlag beim Arbeitslosengeld-II-Regelsatz gewesen, betont er. Zurzeit liegt er bei 364 Euro. „Wir hatten überhaupt keine Diskussion, dass es ein menschenwürdiges Einkommen sein muss“, sagt Hartz.
Der Film erzählt auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte, vom Niedergang der Stahlindustrie im Saarland und vom Aufstieg der Autostadt Wolfsburg. Die einstigen IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler und Jürgen Peters kommen zu Wort, die Braunschweiger Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff, der ehemalige Planungschef im Bundeskanzleramt, Wolfgang Nowak, und andere. So kann der Film das öffentliche Bild von Peter Hartz ein wenig geraderücken, auch wenn der selbst recht einsilbig bleibt. Vor allem was die Hintergründe der VW-Affäre angeht. Er habe für den Gesamtkonzern Verantwortung übernommen, sagt Hartz nur, „weil ich ja auch ehemaliger Reserveoffizier bin“. Hachmeisters Film legt den Schluss nahe, dass Hartz in einer Mischung aus Pflichtbewusstsein, Naivität, ehrlichem Engagement und Eitelkeit in die Rolle des perfekten Sündenbocks schlitterte – für die Politik des Kanzlers Gerhard Schröder und die Unternehmensführung des VW-Chefs Ferdinand Piëch.
Der Dokumentarfilm wirkt allerdings bruchstück- und lückenhaft, denn die ARD hat nach der Talkoffensive im Ersten – außer im Sommer – nur noch Platz für Dokumentarfilmchen: Hachmeister musste seinen 90-Minuten-Beitrag um die Hälfte kürzen. Die Originalversion ist am 10. Januar 2012 bei 3sat zu sehen. Die vom Autor erhoffte zeitnahe Ausstrahlung kam nicht zustande, „um bei Zuschauern nicht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine reine Doppelung“, wie ein SWR-Sprecher erklärt. Man stelle sich das bei Krimis vor. Das zeigt in etwa den Stellenwert, den die Königsdisziplin des langen Dokumentarfilms in der ARD noch hat. Thomas Gehringer
„Auf der Suche nach Peter Hartz“; ARD, 22 Uhr 45


Kölner Stadtanzeiger

Der Sündenbock Peter Hartz spricht
Von Thomas Gehringer, 14.11.11

Der Name von Peter Hartz ist untrennbar mit der rot-grünen Arbeitsmarktreform verbunden. Der Ex-VW-Manager gesteht: Seine Erfahrungen mit der Politik seien ungeheuerlich gewesen. Am Abend strahlt die ARD den Film „Auf der Suche nach Peter Hartz“ aus.

Namen können wirklich ein Fluch sein. „Hätte ich Leutheusser-Schnarrenberger geheißen, wäre mir das Schicksal auch erspart geblieben“, sagt Peter Hartz. Das „Schicksal“ des ehemaligen VW-Personalvorstands ist, dass sein Name untrennbar mit der rot-grünen Arbeitsmarktreform verbunden ist, vor allem mit dem umstrittenen Teil-Paket Hartz IV. Und dann flog noch die Schmiergeld-Affäre bei VW auf. Betriebsratschef Klaus Volkert und andere waren mit Geld und Sex auf Kosten des Konzerns bei Laune gehalten worden. Als einziger aus der Vorstandsetage wurde Peter Hartz verurteilt, wegen Untreue zu einer Geld- und einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Aus dem gefeierten Kämpfer gegen die Arbeitslosigkeit ist ein vorbestrafter Ex-Manager geworden, dessen Name nach sozial ungerechter Politik klingt. Was für ein Absturz.
Seit dem „medialen Tsunami“ (Hartz) rund um die VW-Affäre hat er geschwiegen, „jetzt wird er reden“, heißt es bedeutungsschwer in Lutz Hachmeisters Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Peter Hartz“. Aber allzu viel sagt Hartz nicht. Das katholische SPD-Mitglied aus dem Saarland verteidigt sich und klagt ein bisschen, ärgert sich auch über sich selbst, bleibt jedoch gegenüber den ehemaligen Bundesgenossen loyal. „Ungeheuerlich“ sei das gewesen, wie das gespielt wurde, sagt er ganz allgemein und meint damit wohl seine Erfahrungen mit der Berliner Politik. Persönlich verletzt zeigt er sich nur beim Stichwort Oskar Lafontaine: Mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Saarbrücken verbindet den 70-Jährigen eine lange gemeinsame Geschichte. Als Linken-Chef zog Lafontaine dann gegen die Vorschläge der Hartz-Kommission zu Felde. „Unmöglich, unmöglich“, stammelt Peter Hartz im Film empört. Dabei distanziert er sich selbst von dem, was die Politik aus seinen Vorschlägen gemacht hat. 511 Euro sei der Ausgangsvorschlag beim Arbeitslosengeld-II-Regelsatz gewesen, betont er. Zurzeit liegt er bei 364 Euro. „Wir hatten überhaupt keine Diskussion, dass es ein menschenwürdiges Einkommen sein muss“, sagt Hartz.
Verantwortung übernommen
Der Film erzählt auch ein Stück Wirtschaftsgeschichte, vom Niedergang der Stahl-Industrie im Saarland und vom Aufstieg der Autostadt Wolfsburg. Die einstigen IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler und Jürgen Peters kommen zu Wort, die Braunschweiger Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff, der ehemalige Planungschef im Bundeskanzleramt, Wolfgang Nowak, und andere. So kann der Film das öffentliche Bild von Peter Hartz ein wenig gerade rücken, auch wenn der selbst recht einsilbig bleibt. Vor allem was die Hintergründe der VW-Affäre angeht. Er habe für den Gesamtkonzern Verantwortung übernommen, sagt Hartz nur, „weil ich bin ja auch ehemaliger Reserveoffizier“. Hachmeisters Film legt den Schluss nahe, dass Hartz in einer Mischung aus Pflichtbewusstsein, Naivität, ehrlichem Engagement und Eitelkeit in die Rolle des perfekten Sündenbocks schlitterte – für die Politik des Kanzlers Gerhard Schröder und die Unternehmensführung des VW-Chefs Ferdinand Piëch.
Der Dokumentarfilm wirkt allerdings bruchstück- und lückenhaft, denn die ARD hat nach der Talk-Offensive im Ersten – außer im Sommer – nur noch Platz für Dokumentarfilmchen: Hachmeister musste seinen 90-Minuten-Beitrag um die Hälfte kürzen. Die Originalversion ist am 10. Januar 2012 bei 3sat zu sehen. Die vom Autor erhoffte zeitnahe Ausstrahlung kam nicht zustande, „um bei Zuschauern nicht den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine reine Doppelung“, wie ein SWR-Sprecher erklärt. Man stelle sich vor, Krimis oder andere fiktionale 90-Minüter müssten mal eben auf die Hälfte reduziert werden. Das zeigt in etwa den Stellenwert, den die Königsdisziplin des langen Dokumentarfilms in der ARD noch hat.
„Auf der Suche nach Peter Hartz“; ARD, 14. November, 22.45 Uhr






JULIANE BARTELS PREIS 2011

FÜR "MEIN LEBEN - SEYRAN ATES"


Kategorie Dokumentation, Reportage, Feature, Magazinbeitrag,
länger als 10 min

„Mein Leben - Seyran Ates" von Sabine Jainski und Ilona Kalmbach, ZDF (Arte) Die Frauenrechtlerin, Juristin und Migrationsforscherin Seyran Ates fordert eine sexuelle Revolution im Islam. Schon früh verließ sie ihre Familie, weil sie frei sein und nicht als „Hure" tituliert werden wollte, nur weil sie sich verliebt hatte. Ates setzt sich für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben von Frauen ein, wurde dafür beschimpft, sogar körperlich angegriffen und bekam wegen ihrer Veröffentlichungen auch noch Morddrohungen. Der Film gibt einen direkten - fast intimen - Einblick in das Leben und zeigt das unermüdliche Engagement von Seyran Ates. Ihr Wirken kann als ein unverzichtbarer Teil auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft und zu gelingender Integration verstanden werden.





Grimmepreis für 20xBrandenburg

Begründung der Jury:  
Mit dem Projekt „20 x Brandenburg“ verlässt der rbb die allgemein bewährten Pfade des formatdominierten deutschen Fernsehens und bietet dem Publikum ein aus zwanzig fünfzehnminütigen Kurzdokus bestehendes Abendprogramm.  

Die Klammer für die 20 Beiträge ist der 20. Jahrestag der Wieder-Gründung des Landes Brandenburg, ein Jubiläum, das der Sender gebührend würdigen möchte. Mit einer großen Themenvielfalt und sehr unterschiedlichen Regie-Handschriften wird dem Zuschauer der geopolitische und damit relativ abstrakte Begriff „Bundesland“ sinnlich fassbar gemacht.  

Die einzelnen Beiträge tragen mal mehr reportagehafte, mal mehr künstlerisch-dokumentarische Züge, sind von unterschiedlicher Qualität, aber ausnahmslos interessant. Sowohl durch die Vorstellung verschiedener brandenburgischer Regionen mit ihren spezifischen Eigenschaften und interessanten Zeitgenossen als auch die unterschiedlichen Sichtweisen der 20 Regisseure und ihre sehr verschiedene Art der journalistisch-künstlerischen Umsetzung gelingt es dem Gesamtprojekt spielend, das Zuschauerinteresse über 5 Stunden wach zu halten.

Das bietet dem Zuschauer Raum für Entdeckungen, für das Nachdenken über die letzen 20 Jahre in Brandenburg, und gleichzeitig sorgt das immer für anregende Unterhaltung. 

 Auf diese Weise erfüllt das ungewöhnliche Projekt die von den Verantwortlichen selbst gestellte Aufgabe, vor den Augen der Zuschauer ein „dokumentarisches Gemälde über das Land“ entstehen zu lassen, sehr überzeugend. Das fünfstündige Programm von Andreas Dresen (künstlerische Leitung) und Johannes Unger (Projektleitung) beweist zudem, dass ein innovativer Umgang mit Sendeformaten – gekoppelt mit dem Mut zum dokumentarischen Genre in der besten Sendezeit – zu einem sehr informativen, gleichzeitig unterhaltsamen und damit beispielhaften Fernsehabend werden kann.





HÖLLENTRIPS

Doppelleben mit Heroin

    •    Donnerstag, 24. März 2011, 22.30 - 23.15 Uhr .
    •    Freitag, 25. März 2011, 14.15 - 15.00 Uhr (Wdh.).

Sein Doppelleben zwischen Heroin-Sucht und Journalismus dauerte zwei Jahrzehnte und kostete Jörg Böckem (45) fast das Leben. Er hat es geschafft, diesem Alptraum zu entkommen. Christiane K. (48) hingegen kann ohne Drogen nicht leben. Sie meistert ihren Alltag als berufstätige Mutter trotzdem erfolgreich.

Dem Alptraum entkommen: Jörg Böckem
Drogenabhängig und berufstätig: Im Rückblick fragt sich Jörg Böckem selbst, wie er das eigentlich geschafft hat. Einerseits den Alltag als freier Autor für deutsche Zeitungen und Zeitschriften meistern und andererseits die Sucht im Job über so viele Jahre verbergen. Nur wenige Kollegen wussten davon. „Ich stand permanent unter einer unmenschlichen Daueranspannung.“ Heute kann er sich an viele Prominente, die er in seiner Zeit als Junkie getroffen hat, nicht mehr erinnern. „Den habe ich interviewt? – Das weiß ich gar nicht mehr!“, stellt er beim Durchblättern seiner Texte fest.

Jörg Böckem hat sich mit seiner Vergangenheit und dem Thema Drogen intensiv auseinandergesetzt und schont sich selber nicht. Die Analysen des Ex-Junkies verdeutlichen, wie Drogen und Sucht funktionieren. „Heroin wirkt zuverlässig gegen alles: Versagensängste, Zahnschmerzen, Einsamkeit. Es ist ein Mittel, das auf Knopfdruck von diesen unangenehmen Gefühlen befreit – und das ist natürlich gefährlich.“

Christiane K. kann ohne Drogen nicht leben.
Christiane ist seit fast 30 Jahren drogenabhängig. Die gelernte Buchhändlerin, die in einem Hamburger Kiosk arbeitet, ist alleinerziehende Mutter zweier Töchter. Sie hofft, dass man ihr sobald wie möglich ein synthetisch hergestelltes Heroin - sogenanntes Diamorphin - verschreibt. „Ich bereue nichts“, sagt sie. „Das ist passiert, das ist mein Leben.“ Nur ihren Kindern gegenüber habe sie ein schlechtes Gewissen. Weil sich die beiden manchmal für ihre Mutter rechtfertigen müssten. Dabei pflegt die kleine Familie ein außergewöhnlich vertrauensvolles, ehrliches und inniges Verhältnis. „Wir sind stolz auf unsere Mutter“, sagt die ältere der beiden Töchter. „Sie war und ist immer für uns da und kriegt immer alles auf die Reihe.“



Wilma Pradetto zeigt in ihrem Film „Höllentrips“, was es bedeutet, jahrelang ein Doppelleben zu führen. Eine bürgerliche Fassade aufrecht zu erhalten, während man am Abgrund steht. Eltern, Kinder und Kollegen erzählen von ihren Erfahrungen, Ängsten und ihrem Schmerz. Der Filmemacherin ist es gelungen, eine eindrucksvolle Innensicht dieses Suchtlebens zu geben.


JOE JACKSON - Mein Leben

Regie: Jean Boué

Sonntag, 20. Juni 2010 um 17.00 Uhr  Arte

Wiederholungen:
21.06.2010 um 08:00
26.06.2010 um 06:45

     
Seine Kindheit war unglücklich, doch dafür ist er heute sogar dankbar: Joe Jackson, dem 1979 der Durchbruch als Sänger und Komponist gelang. Sein Repertoire reicht von Pop über Rock bis hin zu Swing und Jazz. Der englische Musiker lebt nach einer langen Station in New York derzeit abwechselnd in Portsmouth und Berlin. Jean Boué begleitete den sonst eher kamerascheuen Star auf seiner letzten Konzertreise und in seine britische Heimatstadt Portsmouth. Dorthin zieht es ihn trotz gemischter Gefühle immer wieder zurück.

Es war 1979, als Joe Jackson über Nacht mit "Is She Really Going Out With Him" berühmt wurde. Bis heute, 30 Jahre später, kann er schlecht damit umgehen. Er gilt als unzugänglich, Auftritte außerhalb seiner Konzerte lehnt er ab, er geht in keine Talkshow. Mit Journalisten spricht er ungern und nur über eines: die Musik. Persönliche Fragen werden nicht beantwortet - er sei Musiker, kein Star. Am liebsten wäre Jackson anonym.
Joe Jackson ist noch gut im Geschäft, die Konzerte sind weltweit ausverkauft. Gerade hat er ein neues Album herausgebracht. In der Presse wurde dies auch als Comeback gesehen, als sei Jackson Teil des derzeitigen medialen 80er Revivals. Aber Joe Jackson war nie weg, es gab ihn immer, nur in den Massenmedien wurde kaum über ihn berichtet.
Immer wieder hat er sich und seine Musik scheinbar neu erfunden. Er machte Pop und Rock, Swing und Jazz, er komponierte Filmmusiken und sogar eine Symphonie. Für diese Vielseitigkeit lieben ihn seine Fans. Ständig änderte er die musikalische Richtung, egal, ob es Erfolg versprach oder nicht. Ruhm sei ohnehin ungesund für einen Künstler, sagt er, man werde dadurch vom Beobachtenden zu einem, der beobachtet wird.
20 Jahre lebte Joe Jackson in New York, 2006 verließ er seine geliebte "Stadt der Außenseiter" und kehrte zurück nach Europa. Die Überregulierung des amerikanischen Lebens, besonders das generelle Rauchverbot, ist ihm unerträglich. In England probt er in einem kleinen Studio mit seiner Band, einem Trio, das sich seit 35 Jahren kennt. Jackson geht wieder auf Tour und findet überall nur verstimmte Flügel. Eine Tortur für den Perfektionisten mit dem absoluten Gehör.
Eine Begegnung mit einem großen Musiker und einem scheuen Menschen, der heute fast unerkannt in Berlin lebt.