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Spiegel-Online

Ein Denkmal für den Kritiker

Von Volker Hage

Heute Abend zeigt das ZDF einen außergewöhnlichen Film: "Ich, Reich-Ranicki" ist das eindringliche Porträt eines Mannes, der das Warschauer Ghetto überlebte, später zum einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands wurde - und ein großartiger Erzähler des eigenen Lebens ist.

Gleich in den ersten Minuten macht dieser Film klar, dass er sich nicht mit langer Vorrede aufzuhalten gedenkt. Es spricht Marcel Reich-Ranicki, 86: über Gott. "Gott ist eine literarische Erfindung", sagt er. "Es gibt keinen Gott." Schon als Kind habe er nicht begriffen, "was das ist: Gott". Später, von den Nazis an Leib und Leben bedroht, habe er manchmal den Verdacht gehabt, Gott sei auf deren Seite - als es ihnen gelang, fast ganz Europa zu unterjochen. Auch der Titel des ungewöhnlich gründlichen Fernsehporträts von 105 Minuten Länge geht aufs Ganze: "Ich, Reich-Ranicki".

Die Dokumentation von Lutz Hachmeister und Gert Scobel, die das ZDF heute Abend um 22.35 Uhr zeigt, hält der Erwartung unbedingt stand, die da von vornherein aufgebaut wird. Der Film ist ein Ereignis, bietet ein Porträt von ganz eigener Energie und Bannkraft. Es erweist sich der Mann, der den Krieg gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebte und später zum bekanntesten deutschen Literaturkritiker wurde, als nachdenklicher, bisweilen zögernd formulierender großer Erzähler in eigener Sache.

Selbst Leser seiner Bestseller-Autobiographie "Mein Leben" werden überrascht sein, wie klug und anschaulich hier ein europäischer Intellektueller zurückblickt. Noch einmal erzählt er die ergreifende Geschichte aus dem Warschauer Ghetto, als sich der Vater seiner späteren Frau Teofila im Nachbarhaus erhängte und die Mutter des jungen Marcel zu ihm sagte: "Geh sofort dahin und kümmere Dich um das Mädchen!" Er erinnert sich in schlichten Worten: "Ich kam in diese Wohnung und sah das Mädchen, das 18, nein, schon 19 Jahre alt war und das gerade vor fünf oder zehn Minuten den Vater vom Gürtel, an dem er sich aufgehängt hat, losgeschnitten hatte. 'Kümmere Dich um das Mädchen' waren die Worte meiner Mutter - und ich kümmere mich um sie bis heute."

Seit 64 Jahren sind die beiden nun ein Ehepaar, immer noch voller Verwunderung darüber, dass ihnen im Februar 1943 gemeinsam die Flucht aus dem Ghetto gelang, dass sie bis September 1944 (als die Rote Armee sie befreite) in einem Kellerversteck überleben konnten. Noch im November desselben Jahreserfuhr er von den Umständen, wie sein Bruder Alexander, ein Zahnarzt, ums Leben kam - davon erzählt Reich-Ranicki zum ersten Mal ausführlich. Ein Pole, der Zugang zum Lager Poniatowa hatte und beim Bruder in Behandlung war, erinnerte sich an ihn: "Er war so freundlich zu mir, hat mich gut behandelt, ich habe mich dann nachher erkundigt. Man hat mir gesagt, er habe Zyankali bei sich gehabt. Und als alle erschossen wurden, hat er mit Sicherheit Zyankali genommen."

Lebendige Szenen seines Lebens

In der ersten halben Stunde setzt der Film ganz auf Erinnerung und Erzählung des alten Kritikers, der an verschiedenen Orten interviewt wurde. Auch später verzichten Hachmeister und Scobel völlig auf erläuternde Kommentare, lassen allerdings behutsam Vertraute von Reich-Ranicki zu Wort kommen wie Hellmuth Karasek oder den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Auch die Bilder von Städten und Landschaften sagen viel aus, sie sind bisweilen von Spielfilmqualität. Im Übrigen zahlt sich aus, dass Reich-Ranicki früh das Medium Fernsehen für sich - und die Literatur - entdeckt hat. Jede Menge lebendiger Szenen aus dem von ihm erfundenen "Literarischen Quartett" (das es zwischen 1988 und 2001 auf 77 Sendungen brachte) und anderen Fernsehauftritten sind hier montiert worden.

Dieses filmische Denkmal wird behutsam und eindringlich ergänzt durch unbekannte Filmdokumente wie ein erstes Interview mit Reich-Ranicki von 1958 und die Aufnahmen von den wichtigen Schauplätzen seines Lebens, die er mit dem Fernsehteam noch einmal besuchte. Befragt wird auch ausführlich der einzige, 1948 in London geborene Sohn Andrew Ranicki, heute Professor in Edinburgh. "Er hatte nichts gegen Mathematik, solange ich gut darin war", sagt Andrew Ranicki über seinen Vater. "Später wollte er immer, dass ich der beste Mathematiker der Welt werde."

"Ich, Reich-Ranicki", Freitag, 13. Oktober, 22.35 Uhr, ZDF.



Tagesspiegel

"Ich, Reich-Ranicki"
Mit einer Dokumentation setzt das ZDF dem Meister der deutschen Literaturkritik am Freitag ein TV-Denkmal. (11.10.2006, 16:16 Uhr)
TV-Dokumentation: Ich, Reich-RanickiMainz - Die beiden Autoren Lutz Hachmeister und Gert Scobel haben für das 105 Minuten lange Porträt mit dem 86-jährigen Marcel Reich-Ranicki drei lange Interviews geführt, in Archiven gestöbert und seine polnische Heimat besucht. Herausgekommen ist eine gelungene Dokumentation, die am Freitag um 22:35 Uhr im ZDF gezeigt wird. Reich-Ranicki selbst hätte eine andere gedreht, wie er nach der Voraufführung des Films in Frankfurt am Main zum Ausdruck brachte. Der Film habe nicht erzählt, "was ich geleistet habe", sagte der Literaturkritiker nach der Vorführung. "Das ist Euer Recht, aber das ist mir alles so fremd."

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Reich-Ranicki hatte den Streifen vier Wochen zuvor bereits einmal gesehen. "Da war er eigentlich zufrieden", sagte Co-Autor Scobel bei der Präsentation. Durchgegangen sei auch die letzte Szene, die von Reich-Ranicki später mit "Geht nicht" kommentiert wurde. In ihr sagt er den Schlusssatz des Films: "Alles, was ich getan habe, konnten andere auch tun."

Der Film erzählt nicht von den Dingen, die der Kritiker mit zu seinen wichtigsten Lebensleistungen zählt: die 24-bändige Lyriksammlung "Frankfurter Anthologie", der Kanon "Die deutsche Literatur" und seine Autobiografie "Mein Leben". Dafür zeigt er Einnehmendes, Berührendes aus Reich-Ranickis Vita, wie er gelebt hat als Kind, als Jugendlicher im Warschauer Getto, als junger Kritiker in Deutschland in den 60er Jahren, wie er von dem Tod seines Bruders Alexander erfuhr.

Auch sein Sohn Andrew, Mathematiker in Edinburgh, und Autor Dieter Wellershoff kommen in der Doku zu Wort. Sie sprechen kritisch und zärtlich - doch nie über Reich-Ranickis Leistungen. Günter Grass ist in der ZDF-Produktion ebenfalls zu hören und zu sehen, außerdem - neben anderen - Martin Walser, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Frank Schirrmacher. Meistens aber redet Reich-Ranicki selbst, und wer ihn mag, könnte sagen: Mehr braucht es nicht für einen guten Film.

Reich-Ranickis Schlachten

Jedenfalls braucht er keinen Ton aus dem Off, auf den Hachmeister und Scobel konsequent verzichteten. Und damit auch darauf, alles Gesagte einzuordnen. Abgesehen von Ausschnitten aus den eigenen Interviews präsentieren die Autoren hauptsächlich Archivmaterial. Dabei schlägt die Doku noch einmal alle Schlachten, in die sich der Kritiker gestürzt hat. Alles, was er getan hat, konnten auch andere? Der Film erlaubt auch einen anderen Schluss. Diese Einschätzung genauso zuzulassen ist ein Verdienst. "Ich, Reich-Ranicki" ist eine Dokumentation, die seinen Leistungen wahrscheinlich nirgendwo gerecht wird. Und doch ein sehenswerter Film.

Reich-Ranicki gab sich schließlich in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" doch noch versöhnlich. "Ich bin überhaupt nicht enttäuscht vom Film über mein Leben, vielmehr bin ich sehr beeindruckt. Irritiert haben mich nur zwei Sequenzen." (Von Stefan Höhle, ddp)



    Die Welt

    Passionierter Ruhestörer

     "Ich, Reich-Ranicki" - das ZDF zeigt ein sensationelles Filmporträt
     über den Pop-Star der deutschen Literaturkritik. Der Film beginnt mit
     einer Provokation des Protagonisten, er sagt: "Gott ist eine
     literarische Erfindung. Es gibt keinen Gott."

     Von Uwe Wittstock


     "Gott gehört vielleicht der NSDAP an." Marcel Reich-Ranicki, der
     Pop-Star der Kritik, der Entertainer und Schulmeister des deutschen
     Kulturbetriebs, ist immer gut für eine Provokation. "Gott ist eine
     literarische Erfindung. Es gibt keinen Gott", sagt Reich-Ranicki
     gleich zu Beginn von Lutz Hachmeisters und Gert Scobels fast
     zweistündigem Filmporträt. Aber wenn er je an Gott geglaubt hätte,
     fügt Reich-Ranicki hinzu, dann hätte er in seiner Jugend leicht auf
     die Idee verfallen können, dass Gott Parteigänger der Nazis sei, denn
     lange Zeit schien denen einfach alles zu gelingen.

     Dieser Filmauftakt ist vieles zugleich: Erinnerung an die
     jahrhundertealte Theodizee, also an die Frage, weshalb ein guter Gott
     das Böse in der Welt zulässt, Erinnerung aber auch an die Hölle, durch
     die der heute so vielgeehrte Reich-Ranicki einst ging -und nicht
     zuletzt eine Provokation, die sofort die Aufmerksamkeit des Publikums
     fesselt.

     Es sind bereits etliche Filme über Leben und Arbeit Reich-Ranickis
     gedreht worden. Die Stationen seiner Biographie sind in jedem davon
     naturgemäß dieselben. Dennoch gelingt Hachmeister und Scobel in ihrer
     Dokumentation "Ich, Reich-Ranicki", die das ZDF morgen ausstrahlt,
     etwas Besonderes und Neues. Noch in keinem anderen Film wurden den
     Zuschauern die Tiefen und Höhen des erstaunlichen Lebens von Marcel
     Reich-Ranicki so plastisch, noch in keinem anderen wurden ihnen manche
     Facetten seines komplexen Charakters so anschaulich vor Augen geführt.

     Der Film nimmt die Möglichkeiten des Mediums Fernsehen ernst und
     verzichtet konsequent auf einen Kommentator, der die gezeigten Bilder
     mit seinen Anmerkungen aus dem Off gleichsam bevormundet. Statt dessen
     lassen die beiden Autoren alle Szenen, Fotos, Töne, Stimmen,
     Interviewbeiträge für sich sprechen, und sie haben diesen Rohstoff so
     intelligent, ja so suggestiv arrangiert, dass man als Zuschauer die
     nötigen Zusammenhänge intuitiv begreift und den roten (Lebens-)Faden
     nie aus den Augen verliert.

     Zudem haben Hachmeister und Scobel dem Dunkel der Filmarchive
     herausragende, selten gezeigte Materialien entrissen. Am
     erschütterndsten sind zweifellos die Szenen aus dem Warschauer Getto.
     Einige davon sind in Farbe, was ihnen viel von der gewohnten
     historisierenden Patina raubt und sie besonders konkret und also
     besonders quälend wirken lässt. Die ausgemergelten, großäugigen
     Kinder, die am Getto-Straßenrand tod- geweiht in die Kamera schauen,
     wird man so schnell nicht wieder los. Zugleich begreift man noch
     einmal neu, welche unfassbare Grausamkeit hinter Martin Walsers
     Skandalroman "Tod eines Kritikers" steckte, der sich in Mordphantasien
     an einer Reich-Ranicki nachgestalteten Figur erging und damit
     zwangsläufig die seelischen Traumata und die Verfolgungsängste des
     realen Reich-Ranicki anheizen musste.

     Aber auch die Filmmaterialien über Reich-Ranickis Karriere im
     Literaturbetrieb der Bundesrepublik sind herausragend: Ein 1958 in
     Polen in deutscher Sprache geführtes Fernseh-Interview, in dem
     Reich-Ranicki bereits ebenso klar, aber auch ebenso barsch über Bücher
     urteilt wie Jahrzehnte später im Literarischen Quartett. Oder: Bilder
     von einem Vortrag, den Reich-Ranicki 1966 in Amerika in Englisch über
     deutsche Schriftsteller hielt - während vor ihm im Publikum lauter zum
     Schweigen verurteilte deutsche Schriftsteller sitzen. Oder: Aufnahmen
     von Reich-Ranicki, wie er auf der Frankfurter Buchmesse in den
     sechziger Jahren Verleger mit gnadenlos bissigen Sätzen ins Gespräch
     zu ziehen versucht und zuschaut, wie sie in geistloses Gestammel
     verfallen oder regelrecht vor ihm fliehen.

     Der Film schont Reich-Ranicki bei all dem nicht. Er flicht ihm Kränze,
     aber er setzt ihm keinen Heiligenschein auf. Er zeigt ihn als einen
     schwierigen, einen herausfordernden, hellwachen Mann, der immer auf
     dem Sprung war, jede Chance, die sich ihm bot, auch zu wahren. In den
     Adenauer-Jahren, in denen es der Bundesrepublik besser und besser
     ging, trat Reich-Ranicki im Literaturbetrieb auf als der Kritiker, der
     aus der Kälte kam. Er war der Ruhestörer, der sich auf die gerade
     eingespielten Rituale einer zu Wohlstand gekommenen Gesellschaft nicht
     einließ und seine Gegner so bis zur Weißglut trieb.

     In einem der Interviews, die Hachmeister und Scobel für ihren Film
     geführt haben, meint der Schriftsteller Dieter Wellershoff, zu den
     Geheimnissen von Reich-Ranickis Erfolg zähle, dass er für jedes seiner
     literarischen Urteile immer rückhaltlos mit ganzer Person einstand.
     Tatsächlich lässt er sich selten bei Halbheiten oder Zweifeln
     ertappen. Wer dieses Fernsehporträt sieht, begreift nicht zuletzt, wie
     geringfügig, ja wie lächerlich sich die Karriererisiken des
     Literaturbetriebs in den Augen eines Mannes ausgenommen haben müssen,
     der die Erfahrungen Reich-Ranickis hinter sich hatte. Während andere
     sich vorsichtig bedeckt hielten oder taktierten, ging er immer
     bedingungslos in die Offensive. Seine Siege ließen dann nicht mehr
     lange auf sich warten. "Ich, Reich-Ranicki", am Freitag 13. Oktober,
     22.35 Uhr, ZDF.



Westdeutsche Zeitung

Marcel Reich-Ranicki im ZDF-Portrait: "Ich suche einen guten Roman"

Er ist brillant, offensiv und eitel: Marcel Reich-Ranicki in einem großartigen ZDF-Porträt.

Ich, Reich-Ranicki; ZDF, 22.35: "Ich entscheide, ob einer zur deutschen Literatur gehört": Ein anmaßender, ein eitler Satz und zu seiner Zeit doch wahr. Denn als Literaturpapst ist Marcel Reich-Ranicki lange unangefochten gewesen. Bis er von dieser intellektuellen Anhöhe seine Seligsprechungen und Bannbullen über Autoren schleudern konnte, war es jedoch ein schwerer Weg für den jüdischen Jungen aus einer polnischen Kleinstadt.

Die Filmautoren Lutz Hachmeister ("Schleyer eine deutsche Geschichte") und Gert Scobel, Moderator von "Kulturzeit" und "Delta" auf 3Sat, folgen diesem Leben durch eine einsame Kindheit, das Grauen des Warschauer Ghettos, die opportunistischen Anpassungsversuche im Nachkriegspolen bis zum Glanz seines Kritikerdaseins.

In der vergangenen Woche hatte ein werbewirksamer Trommelwirbel bereits auf den Film aufmerksam gemacht. Denn Reich-Ranicki machte ihn nach der ersten öffentlichen Vorführung nieder: Seine Lebensleistung sei nicht genügend gewürdigt, der Schluss ginge gar nicht und überhaupt: "Das ist mir alles so fremd." Wenige Tage später vermochte er sich dann doch in dem Film wiederzuerkennen und erklärte, insgesamt sei er "sehr beeindruckt". Nur zwei kurze Sequenzen innerhalb der 105 Sendeminuten hätten ihn irritiert.

Er widerruft zu Recht. Denn Hachmeister und Scobel lassen den Menschen Reich-Ranicki in vielen seiner Facetten aufscheinen und liefern ein fein gezeichnetes, packendes Porträt. Hellmuth Karasek erzählt von dem gut organisierten Redakteur und Party-Plauderer. Ein Foto zeigt ihn auf Sylt in feierseliger Umarmung mit Ulrike Meinhof, bevor sie Terroristin wurde: "Sie war die erste Journalistin, die mich zur Zeit im Ghetto befragt hat, sie hatte Tränen in den Augen."

In den 60er Jahren zieht der Kritiker mit dem Schlachtruf "Ich suche einen guten deutschen Roman!" über die Frankfurter Buchmesse, dass mancher Verleger nur noch die Flucht nach hinten antritt. Natürlich entwirren die Filmemacher auch die Knäuel diverser literarischer Fehden -Günter Grass, Sigrid Löffler und die ewige mit Martin Walser.

Die Autoren begegnen ihm mit respektvoller Sympathie, doch allzu glättende Selbststilisierungen lassen sie dem 86-Jährigen nicht durchgehen. Wenn "MRR" über seine Londoner Zeit erzählt: "Was ich da gemacht habe, halte ich für ziemlich uninteressant", erklärt anschließend der Publizist Janusz Tycner, welche Berichte er dort für den polnischen Geheimdienst geschrieben hat.

Die treffendste Charakterisierung dürfte von Reich-Ranickis Sohn Andrew stammen. Der Mathematikprofessor in Edinburgh beobachtet aus der Entfernung mit liebevollem Amusement die unerschöpfliche Lust seine Vaters an der Provokation: "Er muss zu weit gehen, um zu sehen, wie weit er gehen kann."

13.10.06
Von Anne Grages
Fernsehen
 

Rheinischer Merkur

TV-PORTRÄT
Ein Mann will nach oben

Fast zwei Stunden über und mit Marcel Reich-Ranicki – da liegt der Verdacht der Denkmalpflege nahe. Doch die Filmemacher Lutz Hachmeister und Gert Scobel lassen die Kritikerstatue im Schrank. So entdecken sie Neues bei einem alten Bekannten.

"Gott ist eine literarische Erfindung“, sagt Marcel Reich-Ranicki. „Es gibt keinen Gott. Das darf man in Deutschland nicht sagen.“ Der Gottesverneiner glaubt an Thomas Mann. Als er dieses atheistische Credo bei den Dreharbeiten ablegt, ist noch keine Rede von kopflosen Opern. Ein trainierter Debattenübersteher wie Reich-Ranicki ahnt eben Megatrends.

Der Christ sagen: Hier irrt der „Literaturpapst“. Dennoch mag sogar manch gläubiger Mensch froh aufhorchen. Endlich ein Prominenter, der sein Selbstbildnis nicht ins spirituelle Wellnessbad taucht. Seit der Komiker Hape Kerkeling beim Pilgern erkannt hat, dass er in einem früheren Leben ein polnischer Mönch war, der von deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs erschossen wurde, ist die Wiedergeburtenrate unter den Showbiz-Menschen hoch. Nun darf im deutschen Fernsehen – noch dazu im Johannes-Baptist-Kerner-Sender ZDF – ein 1920 in Polen geborener Mann, der in seinem einzigen Leben beinahe von Deutschen ermordet worden wäre, fast zwei Stunden seine Geschichte erzählen. Eine Sensation!

Schlicht und ergreifend

Gespräche mit Männern um die achtzig bergen ohnehin Sensationspotenzial. Seit dem „FAZ“-Interview mit Günter Grass diskutieren die Feuilletons, ob der Nachname des Großschriftstellers fortan mit Runen-S geschrieben werden muss. Grass – der Täter? Da wäre es ein Knüller, wenn sich endlich der Großkritiker einmischte.

Doch Marcel Reich-Ranicki, der als Überlebender des Warschauer Ghettos die Waffen-SS in bitterer Erinnerung hat, tut Journalisten diesen Gefallen nicht. „Ich, Reich-Ranicki“, heißt der sehenswerte Film von Lutz Hachmeister und Gert Scobel. Nicht „Ich, das Opfer“. Sehr ergreifend sei das Porträt, so behauptet der ZDF-Pressetext news-sehnsüchtig. Aber Hachmeister und Scobel geht es weder um Tränen vor der Kamera noch um televisionäre Denkmalspflege. „Es ist ein großer Vorteil, dass ich vor der Arbeit an diesem Film zu ihm und zum Literaturbetrieb keine Beziehung hatte“, sagt Hachmeister. Der Außenstehende zeigt einen ehrgeizigen Außenseiter, einen von der Society gehätschelten Einsamen, ein großes Kind. Die Deutschen verachteten diesen Jungen, den „dreckigen“ Juden. Als junger Mann hat er sich deshalb im Ghetto zweimal täglich rasiert. Bis heute rasiere er sich zweimal täglich, sagt Marcel Reich-Ranicki.

Sein älterer Bruder Alexander wurde im Arbeitslager Poniatowa erschossen. In seiner Autobiografie „Mein Leben“ erzählte Marcel Reich-Ranicki vom Leid seiner Familie mit klarer, sezierender Sprache. Wie jemand, der irgendwann beschlossen hat, über sich zu reden, ohne alles preiszugeben. Seine Gefühlsausbrüche gelten Autoren und Romanfiguren, nicht seiner Familie. Daran hält er sich, als er sich vor der Kamera an den toten Bruder erinnert.

Der Film mischt Biografie und Kollage, er lässt dem Zuschauer die Freiheit, Bezüge herzustellen. Der Protagonist spricht für sich. Kein Erzähler aus dem Off ordnet das Gesagte ein, nur die Zeitzeugen kommentieren:Reich-Ranickis Sohn Andrew, der Schriftsteller Dieter Wellershoff, „Quartett“-Bube Hellmuth Karasek, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher. Das ZDF hätte gewiss gern hauseigene Showstars wie Elke Heidenreich oder Thomas Gottschalk als Laudatoren untergebracht, solchen Zitat-Tourismus macht RTL in seinen Achtzigerjahre-Shows vor.

Statt Nettigkeitenausteilern haben die Filmemacher den weniger netten Experten Janusz Tycner vor die Kamera geholt. Er spricht über jene Kapitel, bei denen Marcel Reich-Ranicki wortkarg wird:über die Tätigkeit bei der berüchtigten politischen Polizei Polens, über den Konsulardienst im Außenministerium. Tycner stellt das Wort „anschwärzen“ in den Raum, dort schwebt es unwidersprochen.

Im ranickikritischen Zuschauer keimt Vorfreude:Kippt der Film in einen Richterspruch über den Buchrichter?Treten nachher Günter Grass, Martin Walser und Sigrid Löffler als Zeugen der Anklage auf und rächen sich mit frischen Statements für das, was ihnen der begnadete Selbstinszenierer angetan hat?Der Film erinnert an legendäre Kontroversen, an zerbrochene Männerfreundschaften und unzerbrechliche Frauenbilder. Die Gegner treten jedoch nur als Archivmaterial auf. „Sie waren angefragt – und haben abgelehnt“, sagt Lutz Hachmeister. „Auch, wenn sie geredet hätten, wäre aus dem Film keine Abrechnung geworden.“

Suchtstoff Literatur

Die Kollagetechnik verändert den Blick auf Altbekanntes. Der Streit mit Quartett-Dame Sigrid Löffler etwa erscheint nicht nur als Abgrenzungsversuch zwischen Erotik und Zotik, sondern auch als Kampf um die Definitionsmacht. „Ich entscheide, ob einer zur deutschen Literatur gehört“, sagt Marcel Reich-Ranicki, als er über seinen Wechsel von der „Zeit“ zur „FAZ“ spricht. Jahrzehnte später wagt eine Frau, ein von ihm ausgewähltes Buch im Fernsehen als Nicht-Literatur abzukanzeln. Ein subtiler Autoritätsverlust, obwohl der Macho bleibt und die Emanze geht.

Altersmilde zeigt sich der 86-Jährige nie. „Ich, Reich-Ranicki“, hätte auch „Ich bereue nichts“ heißen können. Der Lehrmeister lässt das Lehren nicht. „Ich habe Angst, das zu erzählen, denn dann werden wieder die üblichen Aufnahmen gezeigt“, tadelt er die Filmemacher vorauseilend, als er vom Berlin der späten Zwanzigerjahre erzählt. Die ausgewachsenen Profis gehorchen. Brav verzichten sie auf jene Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen Menschen immer viel zu zackig an Reklametafeln vorbeieilen.

Strammgestanden haben Hachmeister und Scobel vor dem vermeintlichen Zuchtmeister des Literaturbetriebs nicht. Sie haben entdeckt, wie viel Clown im Dompteur steckt. Und wie viel Schwäche im starken Urteil: Kommentarlos sind sie einem, der aus Sehnsucht nach Anerkennung dem Stoff „deutsche Literatur“ verfallen ist, durch die Suchtkarriere gefolgt.

Ob so ein wahres Bild entstanden ist? „Der wahre Reich-Ranicki kann sich nicht einmal selbst von seiner Inszenierung unterscheiden“, sagt Lutz Hachmeister. Eine der wunderlichsten Szenen zeigt, wie Fußballfans den alten Mann in ihre Mitte nehmen. „Die Hände zum Himmel/ kommt, lasst uns fröhlich sein/ Wir klatschen zusammen und keiner ist allein“, singen sie. Ein Text, der keine Chance hätte, in die „Frankfurter Anthologie“ aufgenommen zu werden. Der Einsame, der Gott samt Himmel für eine literarische Erfindung hält, lächelt schüchtern.
 Sendetermin: „Ich, Reich-Ranicki“, Freitag, 13. Oktober, 22.35 Uhr, ZDF.




Süddeutsche Zeitung

23. August 2006

Sisyphos in der Schule

Als im Frühjahr die Erregung über die Vorgänge an der Neuköllner Rütli-Schule hochkochte, lag der Film Beruf Lehrer schon fertig bei der ARD. Aber selbst Nachfragen des produzierenden SWR setzten den damaligen ARD-Koordinator Hartmann von der Tann nicht in Bewegung. Der Film blieb im Regal liegen. Dort hat ihn jetzt Nachfolger Thomas Baumann herausgeholt. Dabei hätte das Erste mit dieser Dokumentation die Chance gehabt, dem medialen Getöse über die Berliner Hauptschule Nachdenkliches entgegenzusetzen. Thomas Schadt und Wilma Pradetto beteiligen sich nämlich nicht an allgemeiner Erregung und Schuldzuweisung. Sie sehen sich lieber eine Schule genau an, die Tulla-Realschule in Mannheim mit 800 Kindern und 50 Lehrern.

Die Autoren begleiten einige dieser Lehrer im Schulalltag. Der ist nicht spektakulär, aber anstrengend und dicht: kein Beruf für Leute, die Ruhe in der Arbeit brauchen. Da leistet der Film auch Korrekturarbeit am schlechten Lehrer-Image. Man sei ständig „in Interaktion“ verwickelt, erklärt einer der Pädagogen im Fachjargon: Kinder wollen etwas wissen, Kollegen noch etwas besprechen, auf dem Pausenhof knallt es, und die kurze Pause reicht grade, um von einem Klassenzimmer ins nächste zu kommen. Und dann die Anforderungen von außen: Eltern erwarten von der Schule, dass sie Probleme löst, die eigentlich in den Familien angepackt werden sollten. Einige Konfliktzonen werden im Detail sichtbar: wenn Klassenlehrer Gerhard Bayha seinen Unterricht mit der Belehrung eröffnet, Sonnenblumenkerne seien kein „Kanakenfutter“; wenn die Direktorin mit dem Nachdruck ihres Amtes einigen Steppkes beizubiegen versucht, Schimpfworte wie „Mutterficker“ und „Hurensohn“ hätten hier nichts zu suchen. Man ahnt die Erfolglosigkeit. Aber die Schule hat auch Mechanismen der Konfliktregulierung, die offenbar funktionieren.

Die Lehrer im Film sind unterschiedlich erfahren, unterschiedlich engagiert. Manche tragen Resignation in der Stimme, aber sie sind interessiert an Schule und Schülern – auch wenn die Bedingungen der öffentlichen Bildungsrhetorik Hohn lachen. Bei 33 Kindern pro Klasse ist individuelle Förderung unmöglich, in Krisenfällen funktioniert nur noch Notfallpädagogik, und der Chemielehrer muss Sicherheitsbedenken ignorieren, will er den Schülern mit Experimenten noch Lust auf Chemie machen. Sisyphos könnte auch Lehrer gewesen sein.

FRITZ WOLF

Beruf Lehrer, ARD, 23.15 Uhr.


Berliner Zeitung

Um Mitternacht
Eine großartige Schulreportage wird von der ARD ins Spätprogramm abgeschoben. Das hat Methode

André Mielke

Angenommen, bewaffnete Hauptschüler überwältigten eines Morgens ihre Lehrerschaft, legten sie in Eisen und verlangten hitzefrei ab zehn Grad. Andernfalls müssten die Geiseln schulspeisungskübelweise Blutwurst verzehren. Erste Frage: Was passierte dann bei der ARD?
Sie würden einen "Brennpunkt" ins Programm schieben. Klare Sache. Gleich nach der "Tagesschau", mit Live-Schaltungen zu desorientierten Reportern, panisch mobilgemachten Experten und einem Studio-Moderator, der fragt, ob die Jugend noch zu retten sei.
Und nun gehen wir mal davon aus, dass zwei gestandene Dokumentarfilmer sich ausgiebig in einer Mannheimer Realschule umgesehen haben. Einer gewöhnlichen Schule, die noch nicht bundesweit in den Schlagzeilen war. Sie unterhielten sich dort ausführlich mit den Lehrern über deren Hoffnungen und Nöte. Sie beobachteten sie und die Schüler wochenlang mit der Kamera: im Unterricht, in der Pause, bei der "Streitschlichtung".
Sie machten einen abendfüllenden Film daraus. Einen Film, der ohne jeden, geschweige denn reißerischen Kommentar zusammenfasst, was Lehrer heute zu leisten haben, wozu sie in der Lage sind und wozu nicht. Ein Film, der das Schulwesen beeindruckender und gültiger beschreibt als die meisten Beiträge aus der Rütli-Hysterie. Ein Film, den jeder Bildungsdiskutant unbedingt sehen sollte. Zweite Frage: Wo landet ein solcher Film im Programm?
Nun, das Erste zeigt "Beruf Lehrer" heute Nacht zwischen 23.15 Uhr und 0.45 Uhr. Nach Auffassung der Programmplaner ist das die Zeit, in der Lehrer, Schüler und Eltern am aufnahmefähigsten sind. Im Übrigen handelt es sich ja gerade nicht um ein Top-Thema. Wichtig ist nur, was knallt. Diesbezüglich ist auf dem Bildungssektor seit Wochen nichts los. Es waren ja Ferien.
Gegen seelische Verwahrlosung
Natürlich gibt es für die Platzierung Argumente. Man kann sie in jeder TV-Illustrierten nachlesen. Zur besten Sendezeit hat die ARD ausschließlich unverzichtbare Produktionen von enormer gesellschaftlicher Relevanz anzubieten: Vorgestern lief um Viertel nach Acht eine fluffige Familienserie, gestern Fußball Champions League. Heute gibt es noch einen juxigen Krimi, morgen eine gedankenfreie Pferde-Oper, übermorgen zur intellektuellen Ertüchtigung mal wieder eine Schmonzette, am Sonnabend den "Musikanten-Dampfer" und am Sonntag einen "Tatort". Der Bildungsauftrag lässt sich anscheinend unmöglich in der Prime Time und schon gar nicht am noch konsequenter durchtrivialisierten Vorabend erfüllen. Folglich muss diese heiligste Mission des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in die Nacht versenkt werden. Im vorliegenden Fall geschieht das vielleicht auch aus Scham darüber, dass exakt diese Programmpolitik auch ein Teil des Problems ist, das "Beruf Lehrer" so eindrucksvoll beschreibt.
Das Spektakulärste am Film von Wilma Pradetto und Thomas Schadt ist seine Unaufgeregtheit. Er führt seine Protagonisten nicht als entnervte Wracks vor. Nein, das sind Pädagogen, die mit ihrer Arbeit mehr erreichen wollen, als einfach nur psychisch und physisch zu überleben. Diese Lehrer sehen sich nicht hoffnungslos enthemmten Bestien gegenüber, sondern Kindern, in denen noch einiges zu bewirken ist, auch wenn das mit den Jahren schwieriger geworden ist.
Da erzählt eine Deutschlehrerin, wie wichtig bequeme Kleidung und gutes Schuhwerk seien, um sich vor der Klasse sicher zu fühlen, buchstäblich einen guten Stand zu haben: "Die Schüler spüren es, ob du selbst schwach bist, und die hauen dann in diese Schwäche rein." Da ist der Mathe-Lehrer, der seinen Schülern erst einmal mühsam verklickern muss, dass Sonnenblumenkerne kein "Kanakenfutter" sind. Auch die Schulleiterin kämpft gegen das der seelischen Verwahrlosung entspringende umgangssprachliche Elend. Sie erklärt Fünftklässlern, dass "Mutterficker" und "Hurensohn" durchaus keine landesüblichen Anreden sind.
Eine Hauswirtschaftslehrerin ringt darum, gelangweilte Pubertierende mit Küchengeräten und guten Manieren vertraut zu machen. Fernab jeder Lehrbuchpädagogik, mit Rezepten aus "Revolverblättchen" und den handfesten Methoden einer erprobten Hausfrau: "Ich erhebe die Stimme, wenn der Tisch nicht richtig gedeckt ist".
"Beruf Lehrer" ist eine jener "gutgemachten altmodischen Reportagen", wie sie Autor und Grimme-Preisträger Thomas Schadt selbst vor einem halben Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eingefordert hat: von sich, seinen Kollegen und den Programmplanern. Der Filmemacher beklagte den qualitativen Niedergang der TV-Dokumentationen, den Rückzug auf seifigste Formen, oberflächliche Emotionalisierung und die Vernachlässigung journalistischer Tugenden. Schadt sagte: "Die Frage ist doch: Gibt man dem einfach nach? Oder sagt man, nein, wir haben auch den Auftrag, zu einer guten Sendezeit im Hauptprogramm Dinge zu senden, die das Bewusstsein der Deutschen noch erweitern."
Die ARD hat sich für Ersteres entschieden.
Beruf Lehrer, 23.15 Uhr, ARD


FAZ

Faule Säcke sehen anders aus
Nichts für Weicheier: "Beruf Lehrer" (ARD)

Auf dem Weg zur Arbeit hört Gerhard Bayha gerne klassische Musik. Zwanzig Minuten Zeit nimmt sich der Mathematik- und Gemeinschaftskundelehrer jeden Morgen für die Strecke, die eigentlich schneller zu schaffen ist. Doch die Fahrt mit dem Auto ist der letzte Moment der Ruhe, bevor ihn das Schultor verschluckt.

Sechs Unterrichtsstunden lang muß er kämpfen: daß die Kinder still sitzen, nicht mit Gegenständen werfen, sich nicht prügeln, laut mit ihrem Nachbarn quatschen oder aus dem Zimmer gehen. Herr Bayha erklärt, ermahnt, stellt Fragen und beantwortet welche. Und ist immer geduldig bemüht, die Jugendlichen für Mathematik oder die kommende Bundestagswahl zu begeistern. Viele der Kinder kommen nicht, um zu lernen, sondern um ihre Freunde zu sehen. Die fünf Minuten Pause zwischen den Stunden reichen Gerhard Bayha kaum, um ins nächste Klassenzimmer zu gehen - selbst dann hängt eine Traube von Schülern an ihm. Später steht er im Lehrerzimmer mit Kollegen beisammen und beobachtet seine Schützlinge auf dem Pausenhof; wohltuend dämpft ein Fenster das Geschrei. Es ist der einzige Moment, in dem die Anspannung aus dem Gesicht des Lehrers weicht. Es gebe Augenblicke, sagt Gerhard Bayha, in denen die Schüler so an seinen Nerven zehrten, daß er einen Moment vor das Klassenzimmer gehen muß.

Achthundert Schüler werden in der Tulla-Realschule in Mannheim unterrichtet. Fünfzig Lehrkräfte zählt das Kollegium. Sechs von ihnen haben die Regisseure Wilma Pradetto und Thomas Schadt bei ihrer täglichen Arbeit mit der Kamera begleitet: bei der Pausenaufsicht, im Klassenzimmer, bei Noten- und Lehrerkonferenzen, beim Elternabend und beim Konfliktgespräch mit Schülern. "In der Schule trage ich immer Schuhe, mit denen ich fest auf dem Boden stehe", sagt eine Lehrerin und versucht ein Lächeln. Wie auf einer Bühne fühle sie sich, wenn sie vor der Klasse stehe. Die Schüler tasteten ihre Gestik und Mimik nach Anzeichen von Schwäche ab und reagierten sofort darauf. Die Elternhäuser vieler Kinder sind zerrüttet, Umgangsformen haben sie nie gelernt. Fehlende Tischsitten, von denen die Hauswirtschaftslehrerin erzählt, sind noch das kleinste Problem. Die Schüler, auch schon die ganz kleinen, sind aggressiv, beleidigend, sie mobben und schlagen zu. Der Bildungsauftrag der Lehrer wird zum Betreuungs- und Erziehungsauftrag. Die Lehrkräfte sollen nachholen, was die Eltern zu Hause versäumen. "Wir sind oft überfordert", sagt Gerhard Bayha. "Ich bin kein Sozialarbeiter und kein Psychologe. Aber ich muß die Probleme zwischen den Schülern ansprechen, weil ich sonst nicht unterrichten kann." Was ihre Kinder in der Schule treiben, interessiert die meisten Eltern dagegen kaum. Nur wenige finden am Elternabend den Weg in die Schule.

"Beruf Lehrer" ist ein Film, der nicht in das Lied vom jammernden Studienrat einstimmt, das den Lehrern in der öffentlichen Diskussion um die Bildungsmisere immer wieder um die Ohren gehauen wird. Statt dessen lassen die Regisseure den Zuschauern Raum, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Keiner der interviewten Lehrer spricht von zerbrochenen Idealen. Mit Kritik an der Bildungspolitik der Länder, die für den Zustand an den Schulen verantwortlich ist, halten sie sich zurück. Das ist nobel, vernachlässigt aber die Tatsache, daß das Bild des Lehrers in der Öffentlichkeit schon so beschädigt ist, daß ein paar deutlichere Worte in eigener Sache und drastische Bilder nicht schaden würden.

Als "faule Säcke" und "Landesferienmeister" bezeichneten Politiker Lehrer in der Vergangenheit - Lehrerschelte ist bei uns Volkssport. Dabei kommt laut einer Studie ein Lehrer auf einer weiterführenden Schule auf 1800 bis 2000 Arbeitsstunden pro Jahr. Viele Lehrer leiden unter Angst- und Paniksymptomen, Depressionen, Herz- und Kreislaufstörungen. Rund fünfunddreißig Prozent der Gymnasiallehrer zeigen Anzeichen des Burn-out-Syndroms. Das miserable Image ihres Berufsstandes belastet sie über den notorisch harten Schulalltag hinaus. "Alle paar Wochen erscheint im ,Spiegel', im ,Focus' oder in der ,Zeit' irgendeine Reportage über Lehrer", sagt eine Lehrerin im Film. "Ich stehe da nicht drüber." Dieser Film zeigt, warum das so ist.   Karen Krüger

Heute um 23.15 Uhr im Ersten.


Text: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 36


Tagesspiegel

Bildung als Nahkampf
Ein Dokumentarfilm schildert den Alltag in der Schule – aus der Sicht der Lehrer
Von Thomas Gehringer



Vor knapp fünf Monaten sorgte ein Brief des Lehrerkollegiums der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln bundesweit für Aufsehen. Darin zählten die Pädagogen ihre drängendsten Probleme auf: die zunehmende Gewaltbereitschaft der Schüler, deren „totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes“, das Desinteresse der Eltern, der hohe Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft und deren Perspektivlosigkeit. Am Ende forderten sie, die Hauptschule „zugunsten einer neuen Schulform“ aufzulösen. Der Brief las sich wie eine Kapitulationserklärung. Wohl auch deshalb erzielte er eine Resonanz, wie es eine von Lehrern geführte Klage bis dahin noch nie geschafft hatte. Dass ähnliche Probleme in der gesamten Republik auftreten, ist freilich längst nicht mehr zu übersehen.
„Die Schüler spüren es, wenn man schwach ist“, sagt Lehrerin Stephanie Harkcom. „Man muss ihnen das Gefühl geben, man geht in den Ring und weiß genau, ich bin der Stärkere.“ Bildung wird zum Nahkampf, Lehrer Ludwig Zimmermann fühlt sich gar „an der Front“. In ihrem 90-minütigen Dokumentarfilm „Beruf Lehrer“ beobachten Wilma Pradetto (Buch und Regie) und der zweifache Grimme-Preisträger Thomas Schadt (Buch) den Alltag von Harkcom, Zimmermann und weiteren Lehrerkollegen an der Tulla-Realschule in Mannheim. Der Film entstand vor den Ereignissen um die Rütli-Schule, auch sind die Verhältnisse hier nicht annähernd so aus dem Ruder gelaufen wie in Berlin-Neukölln. Dafür darf die Tulla-Realschule mit rund 800 Schülern und einem Ausländeranteil von 50 Prozent als etwas repräsentativer gelten.
Pradetto und Schadt, der zuletzt mit „Amok in der Schule“ einen Film über das Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium gedreht hatte, zeigen kurze Szenen von verschiedenen Schulsituationen und lassen ansonsten die Lehrerinnen und Lehrer reden. Da kommt viel aufgestauter Frust hoch, über die öffentliche Meinung, über die Versäumnisse der Politik, über das Alleingelassenwerden mit den Problemen in den Familien. „Das einfache Benehmen fehlt. Die Schüler bringen von zu Hause gar keine Kenntnisse mit“, empört sich Hauswirtschaftslehrerin Brigitte Sicilia. Sie tritt in ihrem Unterricht wie ein Feldwebel auf und baut nach der Schule ihre Aggressionen beim Autofahren ab. Klassenlehrer Gerhard Bayha pflegt einen verständnisvolleren Ton. „Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass sie gemocht werden, dass sie respektiert werden.“ Die Lehrer klagen und kritisieren, aber es ist niemand dabei, dem der Beruf oder Schüler gleichgültig wären. Ja, sie habe Angst, sagt Englischlehrerin Johanna Görtz. Davor, dass ihr ein Schüler entgleitet, dass sie nichts mehr für ihn tun könne. Sie habe Angst vor der eigenen Machtlosigkeit.
Vermutlich hat es noch keinen Film gegeben, der ähnlich fair mit den viel gescholtenen Schulpädagogen umgegangen ist. Niemand wird vorgeführt, auch nicht in den Unterrichtsszenen, in denen die Anspannung und Überforderung der Lehrer zu spüren ist. Es gibt keinen Kommentator, der es sowieso besser weiß, und keine Eltern oder Schüler, die ihren Teil zum beliebten Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen beitragen. Es ist ein wohltuend einseitiger Film. Pradetto und Schadt begegnen den Lehrern unvoreingenommen. Deren Aussagen, die sonst gerne als Jammerei überbezahlter Beamter mit viel Nachmittagsfreizeit abgetan werden, stehen hier in einem Kontext von Bildern, die die speziellen Belastungen ihres Berufs unterstreichen: die Position vor einer unruhigen Klasse, die ständige Streitschlichtung zwischendurch, der Lärm und das Gedränge auf den Fluren.
Etwas geschönt wirkt der Film dann aber doch: Was fehlt, sind die Konflikte innerhalb der Lehrerkollegien selbst, die zuweilen auch nicht von schlechten Eltern sind. Und hin und wieder ein Gedanke, was die Lehrer selbst besser machen könnten – das hätte dem Film nur gutgetan.
„Beruf Lehrer“, Mittwoch,
ARD, 23 Uhr 15