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Feuilleton     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2001, Nr. 9, S. 42
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Tagebuch
Die Freiheit, die er arrangiert
Steht da und nippt mit dem Finger: "My Way - James Last" (SWR)

Der späte James Last bewegt sich wie der junge James Last und auch an seiner Musik hat sich Wesentliches nicht verändert. Jede Menge Streicher dringen an unser Ohr, Trompeten stechen scharf dazwischen und die Rhythmusmacher bringen das Publikum in Bewegung. Währenddessen steht der Mann, der dies alles arrangiert, einer der weltweit erfolgreichsten Musiker überhaupt, einfach da und "nippt", wie seine Frau sagt, mit dem Finger. Früher eher die etwas beleibtere Ausgabe von Klaus Köpke, ähnelt James "Hansi" Last heute mehr einem alten Indianer, wie er da so über die Bühne schleicht, oder dem großen Gruselfilmdarsteller Vincent Price. Diese Musik aber finden Millionen von Zuhörern alles andere als zum Gruseln. Der Dokumentarfilmer Thomas Schadt zeigt in seinem Porträt "My Way - James Last", warum das so ist.

Die Gabe des James Last ist sein Glück: Die Musik, die ihn unablässig, vom Aufstehen morgens um fünf bis in die Nacht, begleitet, in all ihren Schattierungen und Dialekten in ein universell verständliches Esperanto zu übersetzen, das ist die besondere Fähigkeit, von der sein Publikum und seine Musiker schwärmen. Sogar die Mitglieder der Hiphop-Gruppe "Fettes Brot" ziehen vor dem Altmeister des Big-Band-Arrangements den Hut und treten ohne Hemmungen im Verein mit den Herren mittlerweile gesetzten Alters auf, die noch auf den kleinsten Wink ihres stoischen Bandleaders achten, der seine Musiker als Familie betrachtet und von diesen, wie die oftmals aufscheinende Rührung verrät, als weiser Übervater geachtet wird. Daß dieser, auf die Frage, ob er glücklich sei, ohne zu zögern "ja" und auch noch mit Bestimmtheit sagt, daß er ein ausgesprochen dummer Hund sein müsse, wenn er nicht glücklich wäre, zeigt uns derweil, was James Last mit seinem Publikum seit vier Jahrzehnten verbindet. Es ist der Wille zum Glück, die Freiheit, die sich zumindest im Kopf einstellt, wenn man die richtige Platte auflegt. "Seit wir ihre Musik kennen", schreibt James Last ein Fan, "hat unser Wohnzimmer keine Ecken mehr". Welcher Musiker wird in seinem Leben schon mehr erreichen?

Thomas Schadt, der sich in seinen Filmen seit geraumer Zeit eher abstrakten Themen widmete, schwelgt in seinem Porträt in Bildern und in der Musik, wie es zuletzt nur noch Christian Rischert in seinem Film über die Mailänder Scala ("La Scala und die Magie des Goldes") getan hat. Wir indes sitzen vor dem Bildschirm, sehen hin, tauchen ein und ertappen uns bald dabei, wie wir mit dem Fuß wippen. Der Mann auf der Bühne aber steht nur da und nippt mit dem Finger.

MICHAEL HANFELD




Feuilleton     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2000, Nr. 67, S. 50
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Tagebuch
Die Landvermesser
"Demokratie im Schloss" (Nord 3)

"Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor."

Wären diejenigen nicht mit Namen bekannt, die wir Sitzung um Sitzung begleiten, und wäre das Sujet nicht so profan wie wichtig, könnte man diesen Film für den experimentellen Versuch halten, Kafkas "Schloss" in den heutigen Alltag zu übersetzen. Wir sehen Stiegen, Flure und Namensschilder an den Büros in diesem Schloss und doch können wir uns kaum eine Vorstellung von seiner Ausdehnung machen. Wir sehen Beamte und Politiker in den Gängen, doch wie man hineinkommt in dieses Schloss, wissen wir nur durch einen Besuch am Tag der offenen Tür, an dem der fünftausendste Besucher vom Landtagspräsidenten einen Bildband geschenkt bekommt, als er die Schwelle übertritt. Nur an diesem Tag herrscht im Schloss Rummelplatz- oder Familienfeieratmosphäre wie in einem Bergman- Film. An den übrigen Tagen sind die Bediensteten unter sich. Drei Landtagssitzungen, zehn Finanzausschussitzungen, fünfzig Arbeitskreistreffen und ungezählte Vorbereitungsrunden braucht es, bis der Haushalt im Schloss besiegelt ist. Er umfasst vierzehn Milliarden Mark, siebzehneinhalb Millionen Mark werden im Laufe der Beratungen "umgeschichtet", 12,8 Millionen auf Betreiben des Koalitionspartners PDS, den kleinen Rest auf Drängen der oppositionellen CDU. Achtzig Anträge hat die Opposition gestellt, vier haben die Schlossherren angenommen. In der Frage der Universitätsmensen hat man sich geeinigt, die Kürzung bei den Privatschulen ist von zehn auf fünf Prozent zurückgenommen worden. Um 6154 einzelne Kostenpunkte kreisten die Beratungen. Am Ende tritt das Haushaltsgesetz 2000 in Kraft.

Mit ihrem Dokumentarfilm "Demokratie im Schloss" wagen sich Thomas Schadt und Peter Schmidt an ein Projekt, das so gesellschaftlich bedeutsam wie unverfilmbar ist. Sie zeigen uns, wie ein Landtag den Haushalt der Regierung beschließt; sie zeigen uns, wie repräsentative Demokratie funktioniert, wie das System arbeitet, von dem allzu viele meinen, dass es durch die jüngsten Skandale ins Wanken geraten sei. Es ist eine einzige neunzigminütige Auslegung des Artikels 20 der Landesverfassung von Mecklenburg-Vorpommern: "Der Landtag ist die gewählte Vertretung des Volkes. Er ist die Stätte der politischen Willensbildung. Er wählt den Ministerpräsidenten, übt die gesetzgebende Gewalt aus und kontrolliert die Tätigkeit der Landesregierung und der Landesverwaltung. Er behandelt öffentliche Angelegenheiten." Und doch ist es kein Schulfilm, sondern harte Kost für alle Beteiligten, was Schadt und Schmidt präsentieren: Der Zuschauer durchleidet die Pein endloser Sitzungen und wird gewahr, wie anstrengend und aufreibend das Geschäft des Politischen ist. Die Politiker aber werden feststellen, wie wenig vorteilhaft es ist, dass wir sie in privater wie öffentlicher Rede erleben. Dabei sind ihre Hinterzimmerabsprachen weniger entlarvend als die tatsächlich öffentlichen Rededuelle im Landtag. Polemik möchte man, was es hier zu hören gibt, gar nicht mehr nennen. Es sind wüste Beschimpfungen, die wir hören und die, sollten sie tatsächlich nicht nur an das direkte Gegenüber, sondern auch an den unsichtbaren Dritten im Bunde - den Wahlbürger - gerichtet sein, nur auf den Redner selbst zurückfallen können. Am liebsten, so ergibt diese Empirie, bezeichnen die Politiker ihresgleichen als "Lügner". So weit wie der Ministerpräsident freilich geht niemand sonst in diesem Film. Was aus Ringstorffs Worten spricht, ist die reine Verachtung des politischen Gegners. Man fühlt sich an vordemokratische Zeiten erinnert. Nach seinem Auftritt befindet Ringstorff es nicht einmal für nötig, sich die Replik anzuhören. Als der Oppositionsführer zurückschmäht, ist der Fürst längst gegangen.

So nah an die Handelnden wie in seinem epochalen Film "Der Kandidat" über den Wahlkampf von Gerhard Schröder ist Thomas Schadt mit seinem Kompagnon Peter Schmidt diesmal nicht herangekommen. Auch hat er es nicht so weit auf die Hinterbühne der Politik gebracht wie damals. Nicht ein persönliches Interview haben sich die Filmemacher gegönnt in ihrem "Cinéma Direct", das selbst dann die Arbeitskreise nicht verlässt, wenn es um "klein aa, klein bb und klein cc" geht. Wenn man sich nicht gerade im Landtag beschimpft, geht es unter den "Finanzern" um nichts anderes als dieses A und O. Die eine oder andere Überraschung gibt es aber doch. Für die Privatschulen wie für die Minderheitenrechte der Opposition setzt sich eine Politikerin der PDS ein - jener Partei, von der man gedacht hätte, dass sie die Vorzüge uneingeschränkter Machtausübung durchaus zu schätzen weiß.

"Ein tristes Parlament will eigentlich niemand", sagt der CDU-Politiker Eckhardt Rehberg einmal in diesem Film, doch etwas anderes als Tristesse, als die unerhörten Mühen der Ebene gibt es bei Schadt und Schmidt nicht zu sehen. Doch gerade das ist, wie das Beispiel von Phoenix lehrt, sehenswert. Wer, wie der Norddeutsche Rundfunk, ein solch mutiges Unterfangen in Auftrag gibt, sollte auch die Chuzpe haben, es nicht erst um null Uhr ins Programm zu heben. Um diese Zeit findet, wie Kafkas Landvermesser, wohl kaum noch jemand ins Schloss.

MICHAEL HANFELD







epd medien
Nr. 43, 5. Juni 1999


Schneller drehen, schneller senden

Thomas Schadts Phoenix-Experiment "Hauptstadtzeitung" / Von Fritz Wolf
(epd). Beginnen wir mit einer nicht vergleichbaren TV-Aktion. 29. Mai, Samstag abend, das ZDF-"Sportstudio" beim Bayern-Sponsor in Rüsselsheim. Auch Opel will Location sein. Abschluß der Bundesliga-Saison. Auf jedem Spielfeld waren zahllose Kameras im Einsatz, Einstellungen aus jeder Perspektive. Die Spielberichte werden in Parallelmontage geführt und bilden dramaturgisch die Dramatik des Abstiegskampfes ab. Die Mannschaft von Bayern München kommt komplett in die Sendung. Kleine Einspielfilme kündigen das Ereignis an. Die Mannschaft verläßt das Hotel. Etwas später sehen wir Beckenbauer, Hitzfeld und einige Spieler in der Maske, sie bereiten sich auf den Auftritt vor. Die Zuschauer werden auf diesen Auftritt vorbereitet. Die Dramaturgie des "Sportstudios" ist auf Synchronität abgestellt.

Zwei Stunden vorher, um 20.15 Uhr, läuft auf Phoenix der Dokumentarfilm "Hauptstadtzeitung" von Thomas Schadt. Ein wunderschöner Dokumentarfilmplatz, auf dem bloß nicht viele zuschauen. Die ästhetischen Erwartungen sind nicht vergleichbar. Einem Dokumentarfilm im Fernsehen verlangt man nicht ab, was in großen Unterhaltungsshows üblich ist: Einsatz von vielen Kameras, Multiperspektivität, synchrone Darstellung von Ereignissen, größtmögliche Aktualität. Warum eigentlich erwartet niemand von einem Dokumentarfilm, daß er die Möglichkeiten des Mediums nutzt? Warum haben sich alle abgefunden mit den mitternächtlichen Sendeplätzen, den feuilletonistischen Themen und der handwerklichen Produktionsweise?

"Hauptstadtzeitung" ist ein Versuch, dem Dokumentarfilm als Genre neue Möglichkeiten zu erschließen. "Ich möchte", sagt Thomas Schadt, "daß das dokumentarische Prinzip eine Chance hat, von den eingefahrenen Pfaden herunterzukommen." Er will das Genre wieder stärker an die Politik und an die Aktualität heranbringen, ohne es dabei den journalistischen Überfliegern auszuliefern. Der Film handelt vom Kampf des Berliner "Tagesspiegel" und der "Berliner Zeitung" um die Meinungsführerschaft in der Stadt und um das Image der "Hauptstadtzeitung". Er wurde rund um die Wahl des Bundespräsidenten in vier Tagen gedreht, innerhalb einer Woche geschnitten und eine Woche nach dem Ereignis bereits ausgestrahlt. Das wäre etwa das Tempo, in dem Presseorgane wie "Spiegel" oder "Focus" ihre aktuellen Titel auf den Markt werfen.

Zwei Tage vor Ausstrahlung steht vom Film kaum mehr als das Grobgerüst. In den Räumen Edit 11 und Edit 12 im Berliner Medienhaus "Cine plus" sitzen die beiden Cutter Thomas Wellmann und Stefan Krumbiegel. Sie schneiden parallel, der eine die Passagen vom "Tagesspiegel", der andere die von der "Berliner Zeitung". Dreißig Stunden Videomaterial waren in wenigen Tagen zu komprimieren. Ohne den elektronischen Schnitt mit dem Avid-System wäre das nicht zu schaffen. Die Technik erlaubt schnelles Arbeiten und verlangt schnelle Entscheidungen. Klar ist, daß der Film chronologisch erzählt wird und jeder Tag einen anderen Schwerpunkt setzt. Alles andere wird erst am Bildschirm entschieden.

Später wird sich zeigen, daß die beiden Cutter schon früher hätten zusammengehen müssen. So wird am Ende einiges weggeworfen, wofür ein weniger ausgetüftelter Schnitt auch gereicht hätte. Thomas Schadt sitzt mal im einen, mal im andern Schneideraum. Seine Aufgabe ist es, die beiden Filme im Kopf zu halten, um sie dann ineinander schieben zu können. Auf eine "ausgetüftelte Lichtkorrektur" am Ende müsse man verzichten und die Anforderung an den Ton sei nicht Brillanz, sondern Verständlichkeit. Vielleicht sähe der Film am Ende etwas "roher" aus als gewohnt, das sei auch "eine Chance, authentisch zu sein". Am Ende sieht man dem Film aber die Eile seiner Herstellung nicht an.


Journalisten sind auch nicht interessanter als andere Leute
Schadt kennt beide Cutter gut und verläßt sich auf sie. Im Grunde sind sie ebensogut Autoren des Films: Regie-Cutter oder Schnitt-Autoren, wie immer man es nennen will. Trotz des äußerst engen Terminplans herrscht keine Hektik, die Atmosphäre ist konzentriert freundlich. Thomas Wellmann, der schon andere Filme von Schadt geschnitten hat, ist unzufrieden mit dem Material aus den Redaktionen der beiden Zeitungen. Hier eine Konferenz im Sitzen, dort eine Konferenz im Stehen. Hier ein markiges Wort des smarten Chefredakteurs, dort ein seriös klingendes Nichts aus dem Mund des Herausgebers. Wellmann macht so viele Kürzungsvorschläge, daß man fast befürchten muß, es würde am Ende gar nichts mehr übrigbleiben. "Ich brauche Leute, die verstehen, wie ich Filme mache, die aber auch einen eigenen Kopf haben und widersprechen", sagt Schadt später. Mit Cuttern, die zu allem Ja und Amen sagen, könne er nichts anfangen.

Schon in dieser Phase zeigt sich, daß Journalismus etwas Unsinnliches ist. Er habe das unterschätzt, schränkt Schadt ein. Zeitungen werden zu drei Viertel im Kopf gemacht, der Rest am Computer. Die Arbeitsvorgänge sind schwer abzubilden. Dazu kommt: Journalisten sind eben auch nicht interessanter als andere Leute, obwohl sie das gerne von sich glauben. Im fertigen Film bleiben dann die Passagen, die aus der Arbeit der Redaktion erzählen, eine eher zähe Angelegenheit, trotz des Versuchs, sie in leichtem Erzählton hinzubekommen.

Dagegen schält sich schnell als Herzstück jener Teil heraus, in dem der Film von der Arbeit der Reporter im Reichstag erzählt. Journalistenalltag mit dem Notizblock in der Hand. Immer auf dem Sprung, einen Politiker zur Seite zu ziehen und ihm verwertbare Informationen zu entlocken. Zum Wahlverhalten der FDP, aber auch schon für Themen der nächsten Tage. Politik auf Tuschelniveau. Aufschlußreich, nicht selten ziemlich komisch. Sehr vertraulich. Manchmal glaubt man, in ein Treffen von Geheimdienstlern geraten zu sein.

Der Film beschreibt durch Beobachtung, wie Politik und Medien aufeinander angewiesen sind, wie sie sich auch anziehen und abstoßen. Hier die Hinterbänkler, die eine Chance sehen, eine Wichtigkeit loszuwerden. Dort die Politiker der ersten Garnitur, die mit den Journalisten auch ihre Spielchen treiben. Er habe Johannes Rau gewählt, sagt Hans-Christian Ströbele, weil er noch zum Karneval der Kulturen wolle. Von Grünen-Sprecherin Anja Radtke will "Tagesspiegel"-Autor Thomas Kröter eine Meinung zur EU-Kandidatin Michaela Schreyer. Er bekommt in routiniertem Tonfall die Phrase "absolut qualifizierte Spitzenfrau" hingeworfen.

Den Stehsatz telefoniert der Journalist dann über Handy in die Redaktion, die schon auf Futter für die Sonderausgabe wartet. Wenig später wird Kröter sich von hinten an Jürgen Trittin heranschleichen. Die beiden sprechen miteinander, ohne sich dabei anzusehen und belauern sich mit Halbsätzen und Andeutungen. Kröters Ausbeute ist gering, der Minister hält eine Diskussion über die EU-Kandidatin gegenwärtig für nicht opportun. Wieder telefonischer Zitatentransfer in die Redaktion. Derweil sitzt Ulrich Deupmann von der "Berliner Zeitung" im Plenarsaal und schreibt auf, wer neben wem sitzt und wer sich mit wem unterhält. Wer weiß, wozu man solche Impressionen brauchen kann. Später wird Deupmann sagen, das alles sei wohl eher "Pfingstausflug mit Frauen" gewesen und langt dann in seiner Reportage weit zurück in die Geschichte der Präsidentenwahlen.

Bilder und Szenen wie diese sind in einem Dokumentarfilm bisher nicht gezeigt worden. Die hätte auch kein Nachrichtenmensch einfangen können. Aktuelle Teams laufen direkt auf die Leute zu, von denen sie ein Statement haben wollen, setzen Licht, fuchteln mit der Mikrophonangel. Dann wissen die Angesprochenen, daß sie im Fernsehen sind und schalten auf Öffentlichkeit. "Es kommt darauf an", erklärt Thomas Schadt den Unterschied in der Arbeitsweise, "wie man sich bewegt." Sich dezenter bewegen, sich mehr im Hintergrund halten, Bilder suchen, warten auf die Bilder hinter den Bildern. Für den Film waren gleichzeitig vier Teams unterwegs, neben Schadt noch Reiner Holzemer, Peter Schmidt und Knut Schmitz. Alle sind selbst Dokumentarfilmer, beherrschen Kamera und Regie. Man könnte sie auch Kamera-Autoren nennen. Auch ihr Anteil am Film ist, wie der der Schnitt-Autoren am Avid, größer als der Abspann am Ende kundtun kann.

Die Arbeitsaufträge für sie waren auch ästhetisch definiert. Lange Einstellungen suchen. Brennweite halten, Position halten. Nicht davon ausgehen, daß ein Take schon nach dreißig Sekunden abgedreht ist. Er mache mit den Filmstudenten in Ludwigsburg die Erfahrung, sagt Schadt, daß sie zu spät anfangen zu drehen und zu früh aufhören. Die Antwort darauf lautet: Kamera laufen lassen.

Es geht darum, dies ist wesentlicher Teil des Experiments, die Tugenden des Dokumentarfilms möglichst weit ins Aktuelle hineinzutragen. Schadt will "das Situative" bewahren und nicht Patchwork liefern. Am Ende funktioniert der Film tatsächlich dort am besten, wo er innerhalb der voraussehbaren publizistischen Szenarios die kleinen überraschenden Momente herausstellt. Nicht die abgefragten Szenen sind die interessanten, sondern die gefundenen. Etwa die, in der die leitenden Herren der "Berliner Zeitung" zum Gruppenfoto antreten. Sie sind unschlüssig, was sie mit ihren Händen anfangen sollen, und wenden das Unwohlsein ins Politische. Auch Kohl habe nie gewußt, wohin mit seinen Händen; Clinton wiederum sei ein Meister darin, die Arme unauffällig hängen zu lassen.

Aus solchen Szenen erfährt man en passant, wie Journalisten ticken: immer auf Weltpolitikniveau. Und wenn sich im Reichstag die "gegnerischen" Reporter beim Kaffee treffen, kann man aus ihrem Flachsen heraushören, wie es im "Zeitungskrieg" steht. "Macht ihr keine Sonderausgabe?" fragt der Mann vom "Tagesspiegel" und sein Kollege von der "Berliner Zeitung" antwortet süffisant: "Machen wir nur bei wichtigen Ereignissen."


Der Dokumentarfilm wird durch die Technik beschleunigt
Hat sich das Experiment gelohnt? Hat der enorme Zeitdruck, den sich die Autoren selbst aufgelegt haben, einen Gewinn erbracht? In ähnlichem Sinn ist vor einigen Jahren im Österreichischen Fernsehen und im WDR mit dem "Fernsehspiel" experimentiert worden. Schneller recherchieren, schneller schreiben, schneller drehen, schneller senden. Das Fernsehspiel, das so lange zur Realisierung braucht, sollte beschleunigt und damit politisiert werden. Die Resultate waren nicht sehr überzeugend, und das Experiment wurde wieder eingestellt.

Ähnliche Fragen muß man auch hier stellen. Erfordert der journalistische Stoff, der "Zeitungskrieg", solche Eile? Man kann es bezweifeln. Die Wahl war mit der Wahl abgeschlossen und wildert danach nicht mehr als aktueller Gesprächsstoff durch die Öffentlichkeit. Eine Woche später wäre vermutlich ohne Wirkungsverlust auch schnell genug gewesen. Andererseits hat die Aktualität etwas Faszinierendes. Wer kann sagen, ob Schnelligkeit nicht zur publizistischen und filmischen Produktivkraft werden kann: bei Themen etwa, wo es darauf ankommt, sich in laufende Debatten einzumischen, ein Denk- und Schauangebot zu machen, etwas Dokumentarisches in den öffentlichen Gesprächsstoff einzuspeisen.

Der Dokumentarfilm wird durch technische Entwicklungen ohnehin beschleunigt. Die Autoren können heute mit kleinen, sehr leistungsfähigen Kameras arbeiten, verfügen über hochempfindliches Filmmaterial, sind immer weniger auf künstliches Licht angewiesen. Dazu kommt der elektronische nicht-lineare Schnitt. Er erlaubt nicht nur schnellere Verarbeitung größerer Bildmengen, sondern auch einen freieren, spielerischen Umgang mit dem dokumentarischen Material. In "Hauptstadtzeitung" wurden die technischen Möglichkeiten genutzt, die erzählerischen Strategien durch Parallelmontage und Synchronität auszuweiten.

Zu beobachten sind vergleichbare Entwicklungen wie beim Genre der Doku-Soap. Der Schnitt gewinnt als erzählerisches Werkzeug an Bedeutung. Dagegen tendiert die Arbeit mit der Kamera mehr zum Jagen und Sammeln. Die größere Freiheit im Umgang mit dem Material erfordert jedoch auch größere Disziplin, ein hohes Maß an Logistik, viel Teamarbeit und abnehmende Spezialisierung. Wie in der Doku-Soap deutet sich auch hier eine Durchlöcherung des Autorenprinzips an.


Jedes Experiment ist besser als der Stillstand
Unbestreitbar liegt ein Gewinn des Experiments darin, daß dem Dokumentarfilm das Terrain des Politischen wieder zurückzuerobert wird, aus dem er eigentlich kommt und woraus er sich in den letzten Jahren ins Feuilletonistische verdrückt hatte. Dafür hatte Schadt schon eine Grundlage mit dem Film "Der Kandidat" gelegt (epd 80/98). Einige Sender, Phoenix und der NDR, haben an diesem Film entdeckt, daß die Beziehung zwischen Fernsehen und Politik sich nicht mit der Auffahrt der Limousinen, der Pressekonferenz und dem Zwanzigsekunden-Statement erschöpfen muß und daß es auch filmische Wege gibt, sich mit Politik zu befassen.

Jedenfalls gibt es kaum Gründe, weshalb Dokumentaristen nicht mit neuen Möglichkeiten experimentieren und eintauchen sollten in die beschleunigte Zeit, wenigstens um nicht zurückzubleiben. Jedes Experiment ist besser als der Stillstand. Zum Vergleich: Auch die Zeitungslandschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Dank technischer Verbesserungen sind Tageszeitungen aktueller geworden. Der Redaktionsschluß wurde immer später gesetzt. Die Kommunikationsverbindungen zu den Autoren sind auf Sekunden geschrumpft, Eskapaden werden möglich wie die Sonderausgabe des "Tagesspiegel", die bereits eine Stunde nach der Wahl vor dem Reichstag verteilt wurde.

Zugleich betreiben Tageszeitungen heute generell viel mehr Hintergrundberichterstattung (und ersparen einem fast die Lektüre der Wochenblätter) - schlechter ist der Journalismus durch die Beschleunigung jedenfalls nicht geworden. Eines der Ergebnisse des Films ist dann auch, daß die Qualität beider Blätter dank Konkurrenz gestiegen ist, daß sie auch in den politischen Bewertungen nicht weit voneinander entfernt sind und daß der Kampf noch lange weitergehen kann, da mit Holtzbrinck und Gruner+Jahr hinter beiden potente Großverlage stehen.

Auch für Phoenix war die Produktion von "Hauptstadtzeitung" ein Experiment. Wegen einiger technischer Probleme bei der Überspielung wurden letzte Handgriffe am Film noch zwei Minuten vor Sendung notwendig - für das dokumentarische Genre wahrscheinlich ein fälliger Eintrag ins Buch der Rekorde. "Hauptstadtzeitung" ist die erste Eigenproduktion des Senders. Phoenix möchte ein Zeichen setzen, einen "qualitativen Schritt weg von der Standkamera zum anspruchsvolleren Film", so Phoenix-Programmgeschäftsführer Klaus Radke. Fortsetzungen sind denkbar. Die Kombination von Film, Aktualität und Politik ist für den Spartensender natürlich sehr attraktiv. Am 1. Juli, dem Tag der Vereidigung von Johannes Rau und der letzten Bundestagssitzung in Bonn, will Phoenix eine Diskussion zum Thema "Hauptstadt-Journalismus" organisieren und zeigt im Anschluß nochmals Schadts Dokumentarfilm, auch wieder zu bester Sendezeit.
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© Evangelischer Pressedienst (epd)


Feuilleton     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.1999, Nr. 122, S. 42
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Tagebuch
Der Reichstag tanzt
Berliner Posse mit großer Presse: "Hauptstadt-Zeitung" (Phoenix)

Giovanni di Lorenzo ist ein geschmeidiger Selbstdarsteller. Und ein guter Tänzer ist er bestimmt auch. Wo anderen beim Empfang die Beine schwer werden und sie majestätisch schreiten müssen, ist sein Schritt leicht. Er eilt herbei und fliegt heran; kaum war er hier, ist er schon dort. Stellt sich devot an die Seite, wartet einen Augenblick, bis Roman Herzog vorbei ist, und deutet einen Diener an. Das Gegenüber ist geschmeichelt. "Hallo Sabine!" Welche Freude. "Giovanni!" Küßchen, Handschlag, Schulterkontakt. Und weiter geht's, treppauf, treppab. Es ist der Abend vor der Wahl des Bundespräsidenten, die ARD eröffnet ihr Hauptstadtstudio, und der Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegels" ist aufgekratzt. Sein Hallali dient allein der höheren Ehre des eigenen Blattes. Der "Relaunch", sie wissen schon. Mehr Magentarot auf Seite eins und auch sonst alles frisch gestrichen.

Di Lorenzo beendet seinen Tänzchen selbst dann nicht, wenn er stehenbleiben muß, weil ihm etwas im Weg ist, ein Tisch beispielsweise, hinter dem ein Redakteur sitzt. Also hebt der Chefredakteur ein Bein, winkelt es an, stellt es auf die Tischplatte und wippt mit dem Fuß. Dieser Mann ist immer auf dem Sprung. Zum Finale freilich, wenn seine Zeitung am Bundespräsidenten-Wahlsonntag mit ihrem vor dem Reichstag kostenlos verteilten Extrablatt erschienen ist, sehen wir ihn nicht auf einem Bein tanzen. Er sitzt. Nun hat er beide Beine auf der Ablage und schaut dem Schlußspurt des Giro D'Italia zu. Der Gewinner hat an diesem Tag alles bekommen - die Aufmerksamkeit aller in der Bundesversammlung. "Na, das ist aber toll", juchzt Regine Hildebrandt. So ein schönes Extrablatt! Schnitt.

Bei der "Berliner Zeitung" ist Ruhetag. Der Chefredakteur Martin E. Süskind, gerade fünf Tage im Amt, und sein Stellvertreter Klaus Schrotthofer erklären, warum sie heute kein Extrablatt produzieren. So etwas machen sie nur bei wirklich wichtigen Ereignissen. Wenn Schrotthofer von der Konkurrenz spricht, die auch "Hauptstadtzeitung" werden will, vollführen seine Hände eine wegwerfende Bewegung. Dieser Mann winkt ab. Spricht er hingegen vom Anforderungsprofil eines Chefredakteurs, der Vision, die dieser haben müsse, um eine Zeitung zu führen, können Schrotthofers Hände die Latte nicht hoch genug legen. Sein Chef, der gerade im Hintergrund steht, paßt da - zumindest aus Sicht der Kamera - prima drunter durch. Süskind muß sich erst einmal setzen. Im Berliner Zeitungskrieg, da sind sich die beiden Gemütlichen von Gruner + Jahr sicher, wird nicht die Tagesform entscheiden, sondern der mit dem längeren Atem obsiegen. Schnitt.

Auch der beredte Herr mittleren Alters muß sich erst einmal setzen, breitbeinig auf die Stufen des Reichstags, als er das Extrablatt des "Tagesspiegels" in Händen hält. Er findet's einfach "geil" und meint, der Auspruch sei ihm ausnahmsweise gestattet. Der Korrespondent Thomas Kröter hat schließlich nicht wenig zum Erscheinen dieser bunten Seiten beigetragen. O-Ton für O-Ton hat er eingefangen, sich an Politiker angepirscht, Witze erzählt, die Konkurrenz veralbert. An Jürgen Trittin hat er sich wie ein Taschendieb herangeschlichen. Lustlos und mit geübt- gelangweilter Miene hatte dieser sich vor einen Computerbildschirm gelümmelt. Was er dem Journalisten, den er während des Gesprächs keines Blickes würdigt, noch zu sagen hatte, klingt in dessen Worten fast wie eine Sensation: Der Minister ließ gegenüber dieser Zeitung erkennen, daß er eine Diskussion über die Kandidaten für die EU-Kommission zu diesem aktuellen Zeitpunkt für unglücklich halte. Punkt. Die für diesen Posten in Rede stehende Michaele Schreyer ist, wie dem Reporter andere gut unterrichtete grüne Kreise diktiert haben, eine "hochqualifizierte Spitzenfrau". Die Redaktion ist zufrieden.

Kollege Ulrich Deupmann von der "Berliner Zeitung" ist derweil auf der Suche nach der Garderobe. Später läßt er sich das wohlausgeklügelte Wahlverhalten der FDP erklären, die dem rot-grünen Lager zeigen will, daß es keine Mehrheit hat, gleichzeitig Respekt für Frau Schipanski andeuten möchte und schließlich Anbahnungssignale für Möllemann in Nordrhein-Westfalen zu geben gedenkt. Nebenbei wird auch noch ein Bundespräsident gewählt. Was Jürgen Möllemann im Eifer der Interviews freilich verschwitzt. Er spricht gerade mit Phoenix, als sein Name zur zweiten Abstimmung aufgerufen wird. Doch Johannes Rau wird auch ohne ihn Bundespräsident. Der Korrespondent Deupmann wird am nächsten Tag auf der Redaktionskonferenz von einem "Pfingstausflug mit Frauen" sprechen, auf dem recht wenig passiert sei. Deswegen muß er selbstverständlich auch etwas weiter ausholen und braucht entsprechenden Platz. Schreiben Sie, was wir noch nicht gesehen haben, sagt der Chefredakteur und macht eine Geste, die großzügig bemessenen Platz verspricht. Aktenkoffergröße. Das sollte reichen.

Wer die Journalisten hier zum Tanz bittet und dabei mehr von ihnen und ihren Freunden, den Politikern, zeigt, als am Ende manchem lieb sein wird, ist der Dokumentarfilmer Thomas Schadt. Er war zur Wahl des Bundespräsidenten im Auftrag des Parlamentskanals Phoenix unterwegs, um die beiden Exponenten des Berliner Zeitungskrieges bei der Arbeit zu zeigen. Dabei sind ihm wunderbare Szenen gelungen, die ein Drehbuch dem grauen Redaktionsalltag nicht farbiger hätte abringen können. Im Aufeinandertreffen der Korrespondenten Kröter vom "Tagesspiegel" und Kolhoff von der "Berliner Zeitung" beispielsweise vollzieht sich eine Kopie jenes bereits überdrehten Encounters, das Charlie Sheen und sein Vater Martin in "Hot Shots 2" hatten. "Du warst klasse in ,Wall Street'" ruft der eine, während der andere "In ,Apocalypse Now'" brüllt, als sich ihre Boote auf dem Fluß begegnen. Im Foyer des Reichtags freilich meinen die Kontrahenten, ein jeder mit der Kamera im Gefolge, daß der jeweils andere samt Blatt wohl doch nicht so toll sei.

Vier Teams haben binnen vier Tagen dreißig Stunden Bildmaterial aufgenommen, das anschließend von zwei Cuttern in derselben Zeit auf das Sendeformat von neunzig Minuten gebracht wurde. Sie alle, die Kameraleute (neben Thomas Schadt sind dies Reiner Holzemer, Peter Schmidt und Knut Schmitz) als auch die Cutter (Stefan Krumbiegel und Thomas Wellmann) müssen die Welt durch jene Brille sehen, die Schadt den "dokumentarischen Blick" nennt. Sie müssen trotz Kamera unsichtbar bleiben. Keine Kopfleuchten, keine Hechtsprungfragen. Schadts Koautoren müssen allesamt Regisseure sein, um im Teamwork in kürzester Frist einen Film zusammenzustellen, der sich mit der Sorgfalt, mit der Schadt für gewöhnlich und wie zuletzt bei seinem Film über Gerhard Schröder ("Der Kandidat") arbeitet, messen lassen kann. Dieses Opus schließlich war es auch, das den Programmgeschäftsführer von Phoenix, Klaus Radke, auf die Idee brachte, Thomas Schadt mit dem Film "Hauptstadt-Zeitung" zu betrauen. Es bildet den Auftakt für die Eigenproduktion des Parlamentssenders und führt den Dokumentarfilm zu seinem Ursprung zurück - in die Politik.

Während dort die Berichterstattung für Nachrichten und Magazine im Zuge der Boulevardisierung zuschanden ging, pflegt ein Sender wie Arte den fürs Feuilleton reservierten Dokumentarfilm mit inkommensurablen Themenabenden zu Tode. Diese werden wohl erst enden, wenn die Redaktionen noch das letzte Alltagsphänomen zum Motto des Tages erkoren haben. Beim Thema Schokolade und der Sittengeschichte der Dessous sind sie bereits angelangt.

Sollte sich Phoenix fortan den Freiraum leisten wollen, den der anspruchsvolle Dokumentarfilm braucht, wäre nicht nur dem Sender mit seinem bislang bescheidenen Etat fürs Dokumentarische von viereinhalb Millionen Mark pro Jahr gedient, sondern dem Fernsehen überhaupt, in dem allüberall jene den Ton angeben, die vorher wissen wollen, wie hoch die Einschaltquote ist, sich aber für sonst gar nichts interessieren.

Für die Ahnung des Künftigen eignet sich der Film von Thomas Schadt in ganz besonderer Weise. Wer ihn anschaut, gewärtigt, daß mehr als die Politiker die Journalisten brauchen, diese fortan die Politiker umwerben werden; der Zuschauer spürt, daß sich das Machtspiel von Politik und Medien mit dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin auf gravierende Weise verändert. Bei der Berliner Regionalpresse, die - nota bene - den drei größten deutschen Medienkonzernen gehört, werden nicht nur Zeitungsexemplare, sondern journalistische Standards verschenkt. Daß dies zu illustrieren ausgerechnet dem Fernsehen gelingt, ist ein kleines Wunder. Wir bitten zum Tanz.

MICHAEL HANFELD




Sogar Spaß gemacht

"Der Kandidat", Dokumentarfilm von Thomas Schadt,
 Produktion: Odyssee-Film (ARD/SWR, 7.10., 23.00-0.30 Uhr)

epd Nach sieben Monaten Wahlkampf und 50 Drehtagen gestand Thomas Schadt: Er könne nicht sagen, Gerhard Schröder getroffen zu haben. "Gesehen und gehört habe ich den Kandidaten." Inwieweit der mit dem Menschen Schröder, "der dahintersteckt", übereinstimmt, "das mag ich nicht entscheiden". Es ist Thomas Schadts spröder Stil, sein funktionalistischer Blick auf Menschen im sozialen Getriebe, der den Blick auf die kleinen Fehlfarben der Bilder lenkt. Die Nähe, die Schadt in seinen Langzeit-Dokumentationen aufbaut (wie im Bayern-München-Film "Elf Freunde müßt ihr sein"), verführt ihn nie zur Kumpanei oder zum getrübten Blick des in den inneren Zirkel Zugelassenen. Er bewahrt eine fast argwöhnische Distanz, die weit entfernt ist vom eilfertigen Kolportieren oder Mitgestalten von Überzeugungen.

Gleich zu Beginn zeigt er Schröder bei einem Auftritt in der Endphase der Niedersachsenwahl im Februar. Energisch fordert Schröder, daß es keinen Sinn mache, über die Aussteiger-Jugend "zu quatschen", wenn man ihr keine Chance zum Einstieg biete. Den so spontanen Wahlspruch fügt Schadt noch vier weitere Male ein - und obendrein die Regie-Anweisung von Schröders Kampagnen-Koordinator Matthias Machnig. Der berichtet vom Rat eines Kollegen aus dem Clinton-Team, erst wenn der Kandidat, der Planungsstab, der Pressesprecher und die Journalisten einen Satz nicht mehr hören könnten, sei man soweit, daß die Öffentlichkeit in der Flut der Nachrichten davon Notiz genommen habe. Eine ehrliche, aber nicht überraschende Erkenntnis.

Politiker kann nur werden, wer bereit ist, ständig das gleiche an unterschiedlichen Plätzen zu sagen, ohne sich dabei albern vorzukommen. Verblüffend ist insofern, daß Schröder Schadt als ständigen Begleiter überhaupt geduldet hat. Tony Blair, der gewieftere Medientaktiker, wäre da weniger großzügig gewesen. Schröder lächelt mit stets gleichbleibend kontrollierter Entspanntheit, ob vor oberbayerischer CSU-Lokalprominenz, jungen Hasch-Befürwortern oder aufdringlichen Mailänder Signorinas. Und immer wieder, täglich, schieben sich die Fotografenpulks um ihn, eine erdrückende Nähe, die allein schon das Inszenatorische hervortreten läßt. Schadt konzentriert sich strikt auf die öffentlichen Auftritte.

Kein persönliches Gespräch, nur Momentaufnahmen, meistens mit Journalistenmeute. Die Momentaufnahmen haben es jedoch in sich. Als im Mai im Hannoverschen Landtag eine heftige Debatte über die SPD/PDS-Kontakte in Magdeburg stattfindet, erhascht Schadts Kamera den gelangweilt bis mürrisch aussehenden Schröder, der ungeduldig auf die Armbanduhr blickt. Sicher bis überheblich tritt er hingegen dort auf, wo er Regie führt. Lässig läßt er zwei unangemeldete BR-Reporter links liegen, die ihn wegen der PDS-Debatte vor seinem Landtagsbüro heimsuchen. "Jungelchen", ruft er ihnen nach, als er schon eine Treppe tiefer ist.

Selbst Schröders so offensiv vorgetragene Hemdsärmeligkeit erweist sich als rhetorisches Muster. "Mir hat's sogar Spaß gemacht", erklärt er Hamburger Genossen nach einer Diskussion über Perspektiven der Berufsausbildung. "Mir hat's Spaß gemacht", kommentiert er auch die Frage, ob die Schauspielerei wie in seinem 14-Sekunden-Auftritt in der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" für ihn eine Alternative sei. Schröder, das ist das Prinzip locker-leicht, das seinen professionellen Ehrgeiz wie ein Sahnehäubchen umhüllt, aber auch als Schutzmechanismus vor Zudringlichkeiten dient.

Schröder steckt alles routiniert weg. Es gibt eine Szene, die in jedem Film als überzogen kritisiert worden wäre, die aber wohl typisch ist für den seriellen Charakter von Politik. Zwei Filmteams aus Polen und Belgien haben sich auf einer Straße in Ulm direkt nebeneinander postiert. Als das eine Interview zu Ende ist, steppt Schröder sofort vor die Kamera des anderen Teams und fordert erneut die gesellschaftliche Modernisierung. Eine öffentliche Person, die beim Zwang zur ständigen Präsenz und Inszenierung nur selten als privater Mensch erscheint, im Flugzeug etwa, wo er dasitzt wie einer, der den ganzen Kram am liebsten hinter sich hätte und nur noch müde ist.

Thomas Schadt sieht sich selbst in der Tradition des "direct cinema", doch schließlich ähnelt er eher südamerikanischen Mineros, die in staubigen Erdlöchern mühsam nach Silber suchen. Auch Schadts Schröder-Film ist wie ein großes Sieb, in dem zuweilen kostbare Momente der Wahrhaftigkeit auffunkeln oder die Staubkörnchen im Getriebe. Ein bescheidener, mühsamer Ansatz, der jedoch gerade dadurch um so realistischer erscheint.

Dieter Deul



35. Adolf Grimme Preis  1999      Die Begründungen

Der Kandidat

Der Dokumentarfilmer Thomas Schadt begleitet den Kanzlerkandidaten der SPD Gerhard Schröder durch das Wahlkampfjahr 1998 bis zur Wahlnacht am 27.09.1998.
Durch seinen unaufdringlichen aber entlarvenden Journalismus gewährt der Film dem Zuschauer das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein und stellt Gerhard Schröder nicht als Menschen, sondern nur als Kandidaten, als Produkt einer geschickten Werbekampagne dar. Für die Marler Gruppe zeigt dieses Protokoll eines entpolitisierten amerikanisierten Wahlkampfes das Bild einer Medienlandschaft, in der es weniger um Inhalte, als um strategisch geschickt platzierte Schlagworte geht. Diese Minimalaussagen beschränken sich auf Slogans wie: “Danke, Helmut, jetzt reichts uns aber.” Die Dokumentation beeindruckt in Idee und Umsetzung, indem sie in jedem Moment die Gesamtaussage des Beitrags unterstützt. Mit viel Feingefühl für Atmosphäre gelingt es Thomas Schadt, die Medienfigur Gerhard Schröder zu entzaubern. Er vermag es, dem hinlänglich bekannten Medienagitator Schröder einen gestressten, müden Kanzlerkandidaten gegenüberzustellen, der den Mut und die Eitelkeit bewies, sich vor der Kamera zu präsentieren. Schröder war Akteur in einer perfekt inszenierten Show, deren Organisationsstruktur durch den Filmemacher offengelegt wurde.



«Der Kandidat» - ein Film vermittelt interessante Einblicke

pr. Verschiedentlich wurde in letzter Zeit auf die manipulativen und undemokratischen Wahlkampfstrategien unter der Mitwirkung sogenannter «spin-doctors» hingewiesen. (vgl. auch Zeit-Fragen 9/99). Einen vertiefenden Einblick, wie man mit Methoden der Manipulation Wahlen gewinnt, liefert der Film «Der Kandidat»1. Über ein halbes Jahr lang verfolgte der Kameramann Thomas Schadt den damaligen SPD-Spitzenkandidaten Gerhard Schröder auf seinem Bundestagswahlkampf 1998. Durch die Vereinbarung, die Filmaufnahmen erst nach der Wahl zu senden, konnte das Team Einblicke nehmen, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären. Sie konnten Strategiesitzungen der Wahlkampfzentrale der SPD, der «Kampa» (Vorsitz: Franz Müntefering) filmen und Aufnahmen von Schröder während verschiedener Wahlkampfveranstaltungen machen. Neben persönlichen Eindrücken vom heutigen Bundeskanzler (die nicht unbedingt schmeichelhaft sind), wird die gesamte Inszenierung eines massenpsychologischen Prozesses im Film verfolgt. Perfekt inszenierte Show Der Film baut seine Wirkung auf kommentarlosen Bildern und Originalton auf. Schröder wird sowohl aus ungewohnten Perspektiven wie auch in typischen Posen, die er mediengerecht zelebriert, gezeigt. Ein Journalist beschreibt seine rein auf Medienwirksamkeit abgestimmten Auftritte als «perfekt inszenierte Show». Dem Zuschauer fällt die ständige Wiederholung bestimmter Botschaften auf, die an das Unbewusste appellieren: «16 Jahre sind genug.» «Danke, Helmut, aber jetzt reicht's uns.» oder «Ich bin bereit.» Offenherzig geben die Wahlkampfexperten Uwe-Karsten Heye und Manfred Machnig (Soziologe) vor laufender Kamera Auskunft über die medienpsychologischen Strategien und Taktiken, um die Wähler zu manipulieren. «Das kann er [Schröder] einfach, eine Pointe setzen, von der er auch weiss, dass sie sozusagen sich selber trägt und zugleich so 'ne Botschaft vermittelt».«Botschaften werden erst dann verstanden, wenn sie immer und immer und immer wieder auch öffentlich kommuniziert werden. Ich habe einmal mit einem Berater des Clinton-Teams gesprochen (...). Wenn man auf der Siegerstrasse ist, werden auch Fehler verziehen.» Einen Einblick in das Ausmass der Manipulation erhält man in den Filmsequenzen, die Auschnitte aus internen Strategiesitzungen der Kampa zeigen. Es wird genau analysiert, welche Äusserungen Schröders zu emotionaler Zustimmung in der Bevölkerung führen. Ausgewiesene Werbe-2 und Medienexperten diskutieren die Folgen von Auftritten. Der Film zeigt auch, wie Strategiebesprechungen in der Kampa wiederum Eingang in Schröders Reden fanden. So resultiert eine scheinbar harmlose und zufällige Anekdote, die der Kandidat beiläufig erzählt, aus wohlüberlegtem Kalkül, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Daneben wurde der gesamte Wahlkampf von ausgewählten Journalisten begleitet, «weil wir an Bildern interessiert sind, die tatsächliche Bilder sind» (Monika Nolden). Für den gewöhnlichen Journalisten würden Medien-«Events» (à la Clinton/Blair) inszeniert, um so den «Sprung in den redaktionellen Alltag» zu schaffen.3  In der heissen Phase des Wahlkampfes weist Regierungssprecher Heye die Mitglieder der Kampa darauf hin, dass nur durch den sorgfältigen Umgang mit den Journalisten die gewünschte Berichterstattung zu erreichen sei. Was von der Kampa erreicht wurde, «kann abschliessend in die Hose gehen, wenn es nicht gelingt, die professionelle Begleitung der (...) Journalistentrosse (...) hinzukriegen, (...) das sind alles Babies, mit denen wir zu tun haben. (...) das heisst, es wird drauf ankommen, eine Infrastruktur hinzukriegen, die allen Bedürfnissen gerecht werden, die auf uns zukommen.» Mehr als deutlich wird in dem Film, dass Sachfragen kein Thema in der Wahl waren. Es ging ausschliesslich um die Beeinflussung von Gefühlen, die das Wahlverhalten mitbestimmen (Machnig: «weil natürlich viele in letzter Konsequenz bei den Gewinnern sein wollen ..., das ist ein wichtiges Wahlmotiv»). SPD-Medienpolitik und ihre Vorbilder Was dieser Film nicht leisten wollte und konnte, war, den politischen Rahmen, der sich hinter solch gezielten Massenmanipulationen verbirgt, auszuleuchten.
 «Der Kandidat»; (SWF), Odysee-Film 1998, Regie: Thomas Schadt





Feuilleton     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.1997, Nr. 272, S. 36
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Tagebuch
Du spürst diese Energie
Artisten unter der Börsenkuppel: "Wallstreet" (ARD/SWF)

Von Sergej Eisenstein ist die fixe Idee überliefert, "Das Kapital" zu verfilmen. Aus dem utopischen Projekt einer utopischen Aushebelung des Kapitalismus konnte auch im Kino nichts werden, aber wie sich in der Marktwirtschaft Angebot und Nachfrage regeln, wie man mit unternehmerischem Geschick und dem richtigen Einsatz zur richtigen Zeit Gewinne häufen kann und woher sie kommen, ist eine spannende Frage geblieben. Der Berliner Dokumentarist Thomas Schadt, seit langem als unverdrossener Anhänger des "cinéma direct" bekannt, ist an die Börse in New York gezogen, um an der Wall Street, im Zentrum der westlichen Finanzwelt, seine diesbezügliche Neugierde zu befriedigen.

Dort schaut die Kamera den Finanzagenten an den Computern über die Schulter, verharrt gebannt in der Hektik des Börsensaales und postiert sich mit gebührendem Respekt im Polsterambiente der Chefetagen. Der Regisseur darf an der Euphorie teilhaben, die im Februar 1997 an der New York Stock Exchange herrschte, als der Dow Jones die Achttausendpunktegrenze erreichte. Aber wenn diesen Szenen der Anblick leerstehender Büroräume in der unmittelbaren Nachbarschaft folgt, meint man schon ein bedrohliches Rumoren im Untergrund zu vernehmen. Keine Hausse kann von Dauer sein.

Der neunzigminütige Film vermittelt den Ablauf eines Tages von der Arbeitsvorbereitung und der Eröffnung der Börse bis zum erlösenden Schlußsignal, wenn die Gewinner sich selbst applaudieren. Zehn Handlungsebenen sind kunstvoll miteinander verzahnt, das alte Prinzip der Parallelmontage feiert Triumph. Den Rahmen bilden Ausblicke auf die faszinierende Hochhausarchitektur von Manhattan. Eine Schusterwerkstatt um die Ecke dagegen liefert das witzige Widerwort. Den Schuster, dessen Tagesumsatz zuweilen nicht mehr als hundert Dollar erreicht, versteht der Laie; in den Aktienhändler, der jeden Tag mit zwei- oder dreistelligen Millionenbeträgen umgeht, vermag sich mancher nur mit Mühe hineinzuversetzen.

"Wenn es die Wall Street nicht gäbe, wären viele beim Theater", sagt jemand und verleiht dem dort herrschenden "unstillbaren Hunger nach Erfolg" schon fast einen ästhetischen Wert. Die unerhörte Nervenanspannung, die viele Makler nur bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr durchhalten, soll keinem Publikum Freude bereiten, ist allerdings auch kein bloßes Mittel zum Zweck. Der amerikanische Börsenmakler lebt, um zu arbeiten, nicht umgekehrt, erfahren wir. Der tägliche Anblick von Geldsummen in Milliardenhöhe, wenn auch nur als elektronische Zeichen, löst Adrenalinstöße aus, die keiner erotischen Sublimierung mehr bedürfen.

Schadt trägt Mosaiksteine zum Bild eines Menschentyps zusammen, dessen auch von hohem Einkommen gefördertes Selbstvertrauen bereits in Autosuggestion umzuschlagen droht. Ihr Unternehmen erstelle "den definitiven Entwurf einer Welt der Besitzenden", meint eine Börsianerin, die den Schuster um die Ecke vermutlich nicht kennt. Was nützen dem Millionär seine vielen Hosen, sagt dieser dazu, wenn er doch nur, wie ich, ein Paar tragen kann? Nun sind zum Leben nicht allein Schuhe und Hosen notwendig, und Schadt hat gut daran getan, kein dokumentarisches Märchenspiel vom klugen Schuster und dem törichten Reichen zu inszenieren. Denn die Lust, sich in die Arbeit zu werfen ("Du spürst diese Energie"), den Erfolg zu erzwingen, Sinnfragen aber lieber zu umgehen, ist eine Grundeigenschaft des modernen Menschen, ohne die das Spiel der Marktkräfte zum Erliegen käme. Ihm stellt der Film die Frage nach der Balance zwischen Leistung und Leben.
HANS-JÖRG ROTHER