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BERLINER ZEITUNG

Schröder mag Perlhuhn

Locker, leicht und hoch interessant: eine Doku-Soap über den Alltag im Kanzleramt
Björn Wirth

Sabine Völker ist Putzfrau, wenn man das so sagen darf. Doch ihre Arbeit verrichtet sie nicht irgendwo, sondern im Büro des Bundeskanzlers. Sabine Völker ist sozusagen zuständig für den Staub im Zentrum der Macht. Bundeskanzleramt, Willy-Brandt-Straße 1, siebter Stock. Sie weiß, wie der Kanzler morgens den Zigarrenabschneider vorzufinden wünscht. Sabine Völker putzt sogar seine Brille, die auf dem Schreibtisch liegt. Manchmal jedenfalls.

Oder Viktoria Zimmermann von Siefart. Sie ist die Neue im Kanzleramt und als Referatsleiterin verantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen. Gemeinsam mit Gerhard Schröders langjährigem Redenschreiber Reinhard Hesse arbeitet sie an einem Vortrag des Kanzlers. Nicht irgendeine Rede, sondern eine ganz besondere: Zum ersten Mal seit 30 Jahren wird ein deutscher Kanzler vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen. Es soll ihr Meisterstück werden, immerhin trägt Viktoria Zimmermann von Siefart den schönen Titel "Vortragende Legationsrätin" und hat berechtigte Hoffnungen, sich demnächst "Vortragende Legationsrätin erster Klasse" nennen zu können. Eine Führungskraft, ganz zweifellos.

Zwischen diesen Polen pendelt die fünfteilige Doku-Soap "Das Kanzleramt", die ab Montag auf Arte läuft. Damit ist es der Autorin und Regisseurin Mechthild Gaßner erstmals gelungen, hinter die Fassade der politischen Schaltzentrale in Deutschland zu blicken. Backstage sozusagen. Gaßner hat diese Chance hervorragend genutzt. Jede Folge beginnt mit einem schmissigen "Guten Tag, Herr Bundeskanzler", vorgetragen von einer nicht minder zackigen Ehrenformation. Im lockeren, mitunter leicht ironischen Ton beschreibt die Autorin den Alltag im Kanzleramt. Um Schröder und sein Amt geht es ihr nur am Rande, es geht ihr um die anderen und um das, was die so tun.

 Die Gärtnerin zum Beispiel, die den Blattlausbefall an Blumenschmuck und Zierpflanzen mit einem chemischen Großangriff erwidert. Worauf es für einige Zeit im Haus der Macht etwas streng riecht - "dit stinkt, die kriegen alle 'ne Krise", bemerkt ein Regierungsbeamter nicht ganz protokollreif - und die Gärtnerin von einem Regierungsamtsmann die Dienstanweisung erhält, künftig nur noch mit biologisch abbaubaren Mitteln gegen die gemeine Laus und ihre Artverwandten vorzugehen.

 Oder des Kanzlers persönlicher Koch, der schon auf dem ZDF-"Traumschiff" wirkte und das Ehepaar Schröder mit einer Perlhuhnbrust für sich einnahm. Oder die Hauswirtschaftsleiterin, die auf eine etwas eigene Art alles regelt, was im Kanzleramt mit Essen und Trinken zu tun hat. Und das ist nicht wenig. "Ihr könnt keine drei Teller tragen, richtig?", erkundigt sie sich genervt bei den Kellnern, die gerade versuchen, 120 deutsche und französische Parlamentarier in eng bemessener Frist zu verköstigen.

 So sind die fünf, knapp halbstündigen Episoden nicht nur sehr informativ und stellenweise ziemlich heiter, sie vermitteln auch mehr als nur einen Eindruck, wie es an der Spitze im deutschen Staate so zugeht. Über ein halbes Jahr hinweg hat Mechthild Gaßner im Kanzleramt gedreht, selbst ranghöhere Mitarbeiter wie Ministerialdirektor Mützelburg, immerhin außen- und sicherheitspolitischer Berater des Kanzlers, ließen sich bei der Arbeit beobachten. Dabei geht es weniger um den Ministerialdirektor, sondern mehr um Bernd Mützelburg. Sind doch auch nur Menschen, will die Doku-Soap dem interessierten Staatsbürger sagen. Sogar der Bundeskanzler.

 Das Kanzleramt, fünfteilige Doku-Serie, Montag bis Freitag, 20.15 Uhr, Arte



FRANKFURTER RUNDSCHAU

Vom Staub der Macht
Wasserwaage für Füllfederhalter: Bei Arte startet eine fünfteilige Doku-Soap über das Kanzleramt
"Das Kanzleramt", Arte, 20.15 Uhr.
VON JÖRN BREIHOLZ

 "Der Kanzler kommt." Als der Mitarbeiter der Haustechnik im Bundeskanzleramt diesen Satz ausspricht, hat er Momente wahren Schreckens hinter sich. Nur wenige Minuten vor Beginn der Kabinettssitzung hatten er und sein Kollege diesen verdächtigen Stecker unter dem Kabinettstisch entdeckt - einen, der da offenbar nicht hingehört. Was tun? Die Presse ist versammelt, gleich kommt das Kabinett, und der Stecker könnte alles Mögliche sein, eine Abrichtung zum Abhören oder gar eine Bombe. Als sich das Ding schließlich als die doch dahin gehörende Klingel herausstellt, grinsen alle verschmitzt. Das Problem ist gelöst, und ohne dass irgendeiner der Umstehenden irgendetwas bemerkte.

So scheint das Räderwerk der Köche, Gärtner, Hauswirtschafter und Techniker im Bundeskanzleramt mit seinen etwa 500 Mitarbeitern zu funktionieren. Oft genug geht etwas schief, aber irgendwie klappt es dann doch, und wer es nicht mitkriegen soll, merkt es meistens auch nicht.

Das Kanzleramt, eine fünfteilige Serie von Arte und SWF über den Berufsalltag der knapp 500 Mitarbeiter im Bundeskanzleramt, strotzt vor solchen oft komischen Momenten. Da ist Ministerialrat Hans Thaysen, der am Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt kurz vorm Einlass eine bühnenreife Auseinandersetzung mit minutenlang lahm gelegter Kommunikationstechnik hinlegt. Thaysen versucht, Herr über Handy und Funkgerät zu werden, bellt "hier 50 an 1" ins Funkgerät, versucht verzweifelt Empfang für sein Mobiltelefon zu kriegen, um gleich wieder "50 an 1, 50 an 1" zu rufen und unerbittlich zu scheitern. "Das ist ja zum Kotzen", hört man den Herrn Ministerialrat schließlich wutentbrannt schreien - wunderbar. Oder: Da zirkeln gleich mehrere Mitarbeiter der Haustechnik mit der Wasserwaage die Position eines Füllfederhalters in einer Glasvitrine aus und glotzen förmlich mit ihren insektenhaft verzerrten überdimensionalen Augäpfeln auf das Wunder, das sie gerade vollbringen - herrlich.

Liebevoll zur Lesebrille

Und da ist die Putzfrau, die morgens zwischen fünf und sieben Uhr zuständig für den "Staub der Macht" ist, wie die Autoren texten. Die Schröders Schreibtisch wienert, die weiß, "wie er seinen Zigarrenabschneider vorfinden will" und seine Lesebrille mit ihrem Hemdzipfel putzt - reizend. "Mach ich ab und zu", sagt Sabine Völker, die dem Mann, dem sie so liebevoll das Zimmer richtet, erst ein Mal begegnet ist. Kein Wort habe sie da raus gebracht, sagt sie.

Arte und dem SWR ist etwas gelungen, was es so noch nicht gegeben hat. Über ein halbes Jahr lang gingen Autorin und Regisseurin Mechthild Gaßner und ihr Team im Bundeskanzleramt ein und aus, um zu dokumentieren, wie die Maschinerie des Amtes funktioniert. Nach ein paar Wochen des Vertrauen-Schaffens konnten sich die Fernsehleute, wie sie sagen, nahezu ungestört mit der Kamera bewegen.

Herausgekommen ist eine kurzweilige Doku-Serie, die Porträts der Kanzleramtsmitarbeiter zeichnet, die oft liebenswürdig sind, aber auch einen Blick auf ihre Misslichkeiten zulassen. Entstanden ist dabei ein kleines Sittengemälde von denen, die für andere putzen, bis zu denen, für deren Auftritte stundenlang geputzt wird: von Sabine Völker bis zum französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac.

Dabei ist Das Kanzleramt keine Gebrauchsanleitung zum besseren Verständnis politischer Entscheidungsprozesse. In erster Linie erzählt Gaßner vom Alltag der Dienstleister für die politisch Handelnden. Politischer Alltag findet lediglich dann statt, wenn das Taktieren um die Ausbildungsplatzabgabe oder die Entstehungsgeschichte von Schröders Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Thema wird. Die Rede, so erfährt der Zuschauer, verfasst in erster Linie Reinhard Hesse, Kettenraucher und Redenschreiber des Kanzlers, gemeinsam mit Victoria Zimmermann von Siefart, der neuen Referatsleiterin für die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen.

Schröder selbst, so scheint es, liest das Werk dann auch irgendwann - als er es vorträgt und so 30 Jahre nach Willy Brandt die erste Rede eines deutschen Bundeskanzler vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen hält. "Es ist seine Rede", sagt Hesse, der seit Jahren für Schröder schreibt, "Punkt."

Im Bundeskanzleramt wird man sich über die - wirklich gut gemachte - Unterhaltungs-Doku freuen, besonders wenn Fernseh-Deutschland zwischen den Weihnachts-Feiertagen die Wiederholung der Serie bei der ARD schauen kann. Wenn die Politik im Bundeskanzleramt 2005 dann auch noch so gut funktioniert wie die Hauswirtschafter, Gärtner und Haustechniker, dann wird 2005 ein gutes Jahr für ihren Chef.






taz

Die Waschmaschine

"Das Kanzleramt" dokumentiert Geschichten aus dem Herzen der Macht. Mechthild Gaßners Coup (20.15 Uhr, Arte) ist exklusiv und gelungen
VON JAN FREITAG

Wieso sollte ein Dokumentarfilm aus dem Zentrum diplomatischer Begegnungen nicht Doku-Soap heißen dürfen? "Weil wir dann in zwei Minuten wieder draußen gewesen wären", erklärt Thomas Schadt und lacht, weil er gut lachen hat: Ende 2002 schaffte der Produzent, was vor ihm niemand je geschafft hat: für Arte und Südwestfunk die Erlaubnis zum Drehen in den Eingeweiden des Allerheiligsten zu ergattern. Titel: "Das Kanzleramt". Eine Sensation!

 Doch just als Regisseurin Mechthild Gaßner und ihr Team vor der "Waschmaschine" genannten Machtzentrale in Berlin standen, kursierten plötzlich Agenturberichte über die Pläne mit ebenjener schmutzigen Vorsilbe "Soap" im Arbeitstitel. "Da waren erst mal alle Türen zu", erinnert sich Schadt, der Gerhard Schröder schon mit "Der Kandidat" (1998) und "Kanzlerbilder" (2001) dichter als jeder andere Filmemacher auf die Pelle gerückt war, "jeder Referatsleiter im Haus hatte ja die Schlagzeile in der Pressemappe".

Irgendwie müssen sie aber doch wieder daraus verschwunden sein, denn vom 13. bis 17. September läuft die fünfteilige Serie zur Primetime auf Arte. Und die Zuschauer erwartet ein tiefer Blick ins Innenleben des wichtigsten Bauwerks heimischer Exekutive. Nein, nicht in Schröders Schlafzimmer und selten in politische Hintergrundgespräche, Reformdebatten oder Koalitionsabsprachen - eher in den Alltag drum herum.

 Und siehe da: Im Kanzleramt arbeiten gewöhnliche Menschen und eitle Politprofis mit normalen Macken und Luxusproblemen, mit Profilneurosen und Starallüren, aus Kanzlers nächster Nähe und größter Distanz. "Ein einziges Mal hab ich den Kanzler im Fahrstuhl getroffen", erzählt Schröders Büroputzfrau und wienert dabei das berühmte Foto mit Gattin hinterm stahlbehelmten Vater. "Ich hab kein Wort herausgekriegt."

 Leute wie sie, Helfer und Macher, Hiwis wie Spitzenkräfte, hat Regisseurin Gaßner ein halbes Jahr begleitet und 100 Stunden gefilmt. Köche, Redenschreiber, Gärtner, Ministerialräte, Hausmeister, Diplomaten, Sicherheitsexperten und Reinigungspersonal. Sie alle tragen dazu bei, dass die Maschine rund läuft - von der Schreibtischordnung übers Festbankett bis hin zur UNO-Rede. Und das Filmteam immer dabei.

Nicht mittendrin, genau das ist das Herausragende an "Kanzleramt". Mit stets bewegter, doch nie hektischer Kamera geht es fünf Folgen lang durch 236.000 Quadratmeter umbauten Raums, ohne je aufdringlich zu sein. Vom roten Teppich in die Asservatenkammer, vom Küchentrakt zum Konferenzraum, vom Geräteschuppen aufs Dach. Es sind Blicke hinter Kulissen von atemberaubender Nüchternheit, mitten in einen Organismus, wo die Gesetze der Diplomatie mit deutscher Gründlichkeit zu einer eigenen Zeichenhaftigkeit finden.

Da wird die Frage zur Chefsache, ob das Gestühl des Staatsempfangs im Amtsrasen versinken könnte, da werden Tischdeckenfalten zur Gefahr für internationale Beziehungen und kleine Kommentare des Kanzlers abseits offizieller Mikrofone zur Bloßstellung politischer Gepflogenheiten.

Diese bis auf "sicherheitsrelevante Bereiche" nahezu tabulose Innensicht funktioniert nur "durch ein völliges Vertrauensverhältnis", betont Gaßner.

 Arte und SWR sind eben doch was anderes als RTL und Bild. Die haben auch versucht, ins Kanzleramt zu kommen. Alle. Immer wieder. Vergebens.

 Warum, belegt eine Anekdote aus dem Jahr 2001. Volontäre der Axel-Springer-Schule sollten damals den Hausmeister des Kanzleramts porträtieren. Als dem Nachwuchs der Zutritt versagt wurde, griff der Boulevard von morgen zum Teleobjektiv und holte sich seine Infos vom arglosen Vater des Gesuchten. So gehts eben auch.

taz Nr. 7460 vom 13.9.2004, Seite 17, 127 Kommentar JAN FREITAG, Rezension






FAZ   11. März 2004

Schrei nach Veränderung?
Ein Film über die Katastrophe von Erfurt hat dort Premiere
Von Andreas Platthaus

Ein Jahr lang haben Thomas Schadt und Knut Beulich in Erfurt gearbeitet, und vorgestern sind sie für eine Nacht zurückgekehrt, um das Resultat ihres Aufenthalts vorzustellen: den Dokumentarfilm "Schrei nach Veränderung". Im Auftrag des SWR entstanden, gelangt er anderthalb Monate vor seiner Ausstrahlung in der ARD für einen Abend auf die große Leinwand im Audimax der Universität Erfurt - und der Saal ist bis auf die Empore hinauf gefüllt. Was treibt die Erfurter in solcher Zahl in einen Dokumentarfilm? Wer schreit hier nach Veränderung? Schadt und Beulich haben den Titel ihres Films von einer Schülergruppe geborgt, die sich am 27. April 2002 gegründet hat, am Tag nachdem der Neunzehnjährige Robert Steinhäuser im hiesigen Gutenberg-Gymnasium sechzehn Menschen und sich selbst erschossen hatte. Die ARD wird den Film über das Massaker am 20. April dieses Jahres unter anderem Titel ausstrahlen: "Amok in der Schule". Denn wer kennt außerhalb Erfurts die Initiativgruppe "Schrei nach Veränderung"? Und wer, mit Verlaub gefragt, kennt sie denn noch in Erfurt? Als die Schüler im vergangenen Jahr auf den Domstufen eine Kundgebung veranstalteten, kamen statt der erwarteten vierhundert Teilnehmer vielleicht vierzig. Und heute, so berichtet einer der Gründer nach der Vorführung des Films, trifft sich die verbliebene Gruppe in seinem Wohnzimmer. "Man darf nicht darauf hoffen, daß etwas von außen kommt." Immerhin: Schadt und Beulich sind keine Erfurter. Von November 2002 bis November 2003 haben sie Gespräche mit Schülern des Gutenberg-Gymnasiums geführt, mit drei Hinterbliebenen von Opfern gesprochen und mit der Familie von Robert Steinhäuser. Sie sind nicht die ersten gewesen, die das taten. Doch sie haben es derart getan, daß ihr Film zwei Jahre nach dem Massenmord eine Zäsur darstellen wird. Für eine bloße Nacherzählung der Geschehnisse wären die Erfurter nicht gekommen. Sie haben Routine in Erinnerungsritualen, haben Trauerfeiern und ersten Jahrestag hinter sich, und vor einigen Wochen erst hat Ines Geipel (F.A.Z. vom 23. Februar) ihre umstrittene Studie zu dem Verbrechen am Gutenberg-Gymnasium in einer hiesigen Kirche vorgestellt - und erbitterten Widerspruch mit ihrer eindeutigen Schuldzuweisung an die Schulverwaltung geerntet. Im Audimax am Mittwoch abend gibt es keinen Streit, dafür große Begeisterung. Denn "Schrei nach Veränderung" spart sich jede Frage nach der Verantwortung. Und gibt doch Antworten: durch die Gespräche mit denen, die am 26. April 2002 ins Unglück gestürzt worden sind. Man merkt den in einstündiger Diskussion vorgebrachten Äußerungen des Publikums an, wie der Film die Bewohner der Stadt bewegt hat. Schadt und Beulich haben berückende Bilder von Erfurt in ihren Film eingeschnitten, doch es ist ihre Absicht zu zeigen, daß diese Katastrophe überall hätte passieren können, weil überall zu wenig zugehört und zu wenig gefragt werde - von Eltern, Lehrern, Geschwistern, Bekannten. Es gab Indizien für den bevorstehenden Mord, und sei es nur, daß der Vorsitzende des Thüringer Schützenbundes sich im Film gegen die Bezeichnung "Sportschütze" für Robert Steinhäuser verwahrt: "Der wollte nicht Schütze sein, und für uns war er auch kein Schütze." Aber für die Weigerung, ihm bei der Waffenbeschaffung zu helfen, war diese hellsichtige Beobachtung wohl nicht hinreichend. "Erfurt" steht als Name in einer Kette von Orten, die alle durch Verbrechen in unsere Erinnerung eingebrannt sind: Solingen, Rostock, Mölln, Hoyerswerda. Schadt und Beulich sprechen diese Städte von ihrer Last frei und bürden sie uns allen auf: Robert Steinhäuser zeigen sie als Resultat einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation, auch wenn individuelle Versäumnisse im Film benannt werden - vor allem von Roberts Eltern, deren Äußerungen von Schauspielern gesprochen werden, um die Familie zu schützen. Aber der Kollaps familiärer Anteilnahme, wie er in ihrem Haus erfolgte, ist gewiß kein Einzelfall in Deutschland. Und doch - daran kann kein Film etwas ändern - ist da der individuelle Schrecken, der auf Erfurt lastenbleiben wird. Es ist an diesem Mittwoch nicht die liebliche Altstadt, über die Schadt und Beulich ihre Kamera wie trunken schweben lassen, sondern eine winterlich abweisende Kulisse, beinahe zu passend zum Filmthema. Auf dem Weg zum Audimax führt die Straße an der Andreaskirche vorbei, deren Pfarrerin direkt am 26. April 2002 ihr Gotteshaus für die Angehörigen der Opfer öffnete. Aus dem Film weiß man, daß das Gutenberg-Gymnasium in unmittelbarer Nähe der Andreaskirche liegen muß, und plötzlich jagt jede einmündende Straße Angst ein - Angst, daß hier die aus den Fernsehbildern so vertraute, jetzt makellos renovierte Fassade der Schule sich erheben könnte, so daß man selbst in den Bann des Verbrechens geriete, das doch erst am Ort selbst aus der Abstraktion der reinen Nachricht befreit wird und dadurch seine Macht gewinnt. Kein Film kann das Gutenberg-Gymnasium verschwinden lassen; sowenig wie die Renovierung die Spuren des Massakers tilgen konnte. Sie bleiben in unserem Bildgedächtnis, und Erfurt wird seine Unschuld nicht zurückerhalten. Das ist unfair, und Schadt und Beulich haben wirklich alles getan, um die Stadt vom Albdruck zu befreien. Ihr Film ist eine von zwölf längeren Dokumentationen, die die ARD im Laufe eines Jahres in ihrem Programm unterzubringen bereit ist. Ihr Film ist die eine von diesem Dutzend, die man auf jeden Fall sehen sollte, wenn sie ausgestrahlt wird - um 23 Uhr in der Nacht. Und danach hoffentlich noch anderswo.




SPIEGEL ONLINE - 21. April 2004, 

ARD-Dokumentation* Erfurt, zwei Jahre nach dem Massaker /
Von Christian Stöcker /

Inzwischen ist es fast zwei Jahre her, dass Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst erschoss. Die ARD zeigt heute Abend Thomas Schadts Dokumentarfilm "Amok in der Schule" über Erfurt nach der Tat - eine ruhige, präzise Betrachtung über Leid, Schuld und Überleben.* ARD-Doku "Amok in der Schule", Gänge des Gutenberg-Gymnasiums: Ruhige Bilder gegen das Unfassbare Großbildansicht SWR ARD-Doku "Amok in der Schule", Gänge des Gutenberg-Gymnasiums: Ruhige Bilder gegen das Unfassbare Der Schüler Robert Steinhäuser, dessen Name zum Synonym für das Herüberschwappen des Amok-Grauens aus den USA an deutsche Schulen geworden ist, kommt selbst zu Wort. Am Anfang von "Amok in der Schule", einem Dokumentarfilm von Thomas Schadt und Knut Beulich, den die ARD heute Abend um 23.00 Uhr zeigt, liest Herbert Grönemeyer eine Passage aus einem Aufsatz des damaligen Elftklässlers. Dazu schwenkt die Kamera langsam über das sommerlich-friedliche Erfurt. Er stehe am Anfang seines Lebens, schrieb Steinhäuser, und dass er auch seine guten Seiten habe, "zum Beispiel meinen Humor". Und dass es in der Schule nicht so lustig sei, wegen des Leistungsdrucks. Schadt und Beulich kommentieren diese Zeilen nicht, auch sonst bleiben die beiden Dokumentarfilmer fast vollständig im Hintergrund. Die wenigen Sprechertexte führen in Gesprächssituationen ein, mehr nicht. Einmal wird erklärt, dass die Eltern und der Bruder von Robert Steinhäuser sich zwar erstmals einem Interview gestellt haben, ihre Antworten aber von Schauspielern wiedergegeben werden, um ihnen eine gewisse Anonymität zu sichern. Diese Passagen, in denen die Familie des Amokläufers zu Wort kommt, gehören zu den stärksten des Films. Während ruhige Einstellungen, stehende Bilder von leeren Schulkorridoren und Plattenbauten im Sonnenschein, Raum schaffen, ringen die Stimmen aus dem Off mit dem Unfassbaren. *Der 26. April 2002* war der Tag der letzten Abiturprüfung am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Um 10.45 Uhr stürmte der 19-jährige Robert Steinhäuser in seine einstige Schule. Er fragte nach der Schulleiterin, zog eine Maske über und packte eine Pistole und eine Pumpgun aus; im Erdgeschoss und drei Etagen darüber erschoss er in nur zehn Minuten 16 Menschen: vier Lehrer, acht Lehrerinnen, einen Schüler, eine Schülerin, eine Sekretärin und einen Polizisten. Dann tötete er sich selbst. Steinhäuser, der Atteste gefälscht hatte, war im Oktober 2001 von der Schule verwiesen worden. Seine Eltern, die Krankenschwester Christel Steinhäuser, 53, und der Siemens-Angestellte Günter Steinhäuser, 53, hatten davon nichts gewusst. Während die Eltern noch einmal zu erklären versuchen, wie Robert sie monatelang darüber täuschen konnte, dass er längst der Schule verwiesen worden war, fährt die Kamera minutenlang auf einen leeren Tisch in dem leeren Café zu, in dem der Hinausgeworfene in den letzten Monaten vor der Tat seine Vormittage verbrachte. Man sieht, in langen Detaileinstellungen, das Zimmer von Robert Steinhäuser, an den Wänden Filmplakate von "The Matrix", "Blade" und "From Dusk Till Dawn", Bilder von Mädchen in Bikinis. Daneben Plastikmodelle von Autos, Segel- und Kriegsschiffen, Raumstationen. Aus dem Off sagt ein Schauspieler anstelle des Vaters, dass man Robert "schon gelobt" habe, wenn er mal so ein Modell fertig hatte. "Aber es gab mehr Schimpfen als Lob", sagt die Mutter. Als es um die Computerspiele geht, mit denen der Schüler seine Freizeit verbrachte, und um das elterliche Unverständnis, werden dankenswerterweise keine Szenen aus "Counterstrike" gezeigt. Das Spiel, in dem Teams virtueller Krieger gegeneinander antreten, gehörte zu Steinhäusers Lieblingsbeschäftigungen. Nach dem Massaker war es als "Killerspiel" verteufelt worden, lärmendes Gewehrfeuer aus Computerboxen und kollabierende Pixel-Opfer gehörten zum Standard-Material anklagender Fernsehbeiträge. Stattdessen sieht man in "Amok in der Schule" eine lange, ruhige Schienenfahrt durch unterirdische Höhlen aus dem Ego-Shooter "Half Life", ein sehr viel subtileres Bild für Vereinsamung und Welt-Entfremdung. Amokläufer Steinhäuser: Fünfer in allen wichtigen Fächern Großbildansicht THÜRINGER ALLGEMEINE/AP Amokläufer Steinhäuser: Fünfer in allen wichtigen Fächern Thomas Schadt gilt als einer der profiliertesten Dokumentarfilmer Deutschlands. Seit 1982 hat er 20 Filme gedreht, die vielfach ausgezeichnet wurden. Für "Der Kandidat", eine Dokumentation über den Bundestagswahlkampf 1998 von Gerhard Schröder, bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Knut Beulich betreibt seit 2003 ein Kino in Berlin, das ausschließlich Dokumentarfilme zeigt. 2001 drehte er "Suppe", eine Dokumentation über Obdachlose in Berlin. Beide eint die politische Herangehensweise an das Medium Film, der Glaube an die Macht des geduldigen, präzisen Blicks hinter die Kulissen. Ursachenforschung wollen sie mit "Amok in der Schule" aber nicht betreiben, der zwangsläufig fruchtlose Versuch, den Amokläufer Steinhäuser zu verstehen, unterbleibt. Der neunzigminütige Film zeigt den Kampf um Verständnis bei den Hinterbliebenen, die Suche nach der eigenen Schuld bei den Eltern. Man hätte Robert nicht aufs Gymnasium schicken dürfen, sagt die Mutter immer wieder. Man hätte begreifen müssen, dass er das gar nicht packen kann. "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre der Robert jetzt vielleicht ein friedlicher Elektriker oder so." Später sehen wir Roberts Abgangszeugnis, mit Fünfern in allen wichtigen Fächern. Schadt und Beulich zeigen, wie die Menschen, deren Angehörige und Freunde zu Opfern wurden, mehr als ein Jahr danach mit ihrem Leid umgehen. Den langen zeitlichen Abstand hat man sich und den Betroffenen bewusst gestattet, und damit eine richtige Entscheidung getroffen. "Amok in der Schule" hebt sich wohltuend ab von der sensationsheischenden Tränen-Berichterstattung, die unmittelbar auf das Massaker folgte. Erfurter Schützenverein: Einziger Konfliktmoment Großbildansicht AP Erfurter Schützenverein: Einziger Konfliktmoment Von denen, die Steinhäuser kannten, kommen nur Lehrer und Eltern zu Wort, Schüler aus seiner Umgebung haben Schadt und Beulich nicht befragt. Stattdessen gibt es lange Gespräche mit Mitgliedern der nach der Tat gegründeten Gruppe "Schrei nach Veränderung". Junge, alternativ aussehende Menschen sind das, mit Rastalocken, Wollmützen und Steckern in der Unterlippe. Die "Strukturen, die das alles so vorprogrammieren" seien ja immer noch da, meint einer, und als die Gruppe zur Erinnerung ein Fragezeichen aus Menschen auf die berühmt gewordene Treppe vor dem Erfurter Dom stellen will, kommt kaum jemand. Der einzige Konfliktmoment des Films ist ein Gespräch zwischen Schülern des Gutenberg-Gymnasiums und Mitgliedern des Erfurter Schützenvereins, dem auch Steinhäuser angehörte. Da trifft spießbürgerliche Sturheit auf zaghaftes Bemühen, wenigstens irgendetwas zu ändern, etwas zu tun, um solche Taten zukünftig zu verhindern. Die rabiat-defensiven Schützen und die hilflosen Schüler - ein gutes Bild für den immer wieder angesprochenen Mangel an Kommunikation zwischen den Generationen, den der Film zum zentralen Thema macht. Auf Sensation und Provokation sind Schadt und Beulich nicht aus, und auch nicht darauf zu unterhalten. Es gibt keine Musik, außer, als ein Gospelchor in der Kirche singt. Es gibt keine Wutausbrüche und nur wenige Tränen, keine Anklagen und keine Schlussfolgerungen. Was übrig bleibt, so die Botschaft, ist Verlust, Schmerz und Fassungslosigkeit bei den einen - und eine allmähliche Rückkehr zum Alltag bei den anderen. Verändert, sagen Bilder und Gespräche, hat sich nichts. ------------------------------------------------------------------------ © SPIEGEL ONLINE







DER SPIEGEL 15/2002 - 08. April 2002

Pulsschlag der Metropole

In seiner dissonanten Kinorevue "Berlin - Sinfonie einer Großstadt" porträtiert der Regisseur Thomas Schadt die Hauptstadt nach dem Vorbild des Klassikers von 1927.

Ein S-Bahn-Zug rast durch die Stadt. Kaum hat die Kamera ihn im Blick, folgt bereits der Schnitt: hinein in den Wagen einer Achterbahn. Der saust in die Tiefe, legt sich in die Kurve, und die Häuser fliegen am Zuschauer vorbei.

In dem 1927 entstandenen Film "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" gewinnt der Zug der Zeit so an Fahrt, dass er fast zu entgleisen droht. Das Werk des Regisseurs Walter Ruttmann zeigt die deutsche Hauptstadt als Metropole jenseits jedes Tempolimits, die fast bis zum Kollaps pulsiert.

Der Dokumentarfilmer Thomas Schadt folgte nun den Spuren des Klassikers - und präsentiert unter dem nahezu gleichen Filmtitel ("Berlin - Sinfonie einer Großstadt") seine Bestandsaufnahme des neuen Berlin.

Gab sich Ruttmann der Stadt rückhaltlos hin, so durchmisst Schadt sie mit einem neugierigen Blick, der sich aber niemals blenden lassen möchte. Ruttmanns Film, der einen Tag vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht Revue passieren lässt, endet in einer Apotheose mit einem Feuerwerk. Die neue Großstadt-Symphonie beginnt in einer Silvesternacht. Der Himmel wird von den Leuchtspuren einzelner Raketen zerschnitten. Gedämpft, aus weiter Ferne, hallen Geräusche von Explosionen herüber: Mit einer verhaltenen Feier beginnt der Film. Ruttmann stürzt sein Publikum in einen Rausch. Schadt erzählt vom Tag danach.

"Ruttmann sieht mehr nach vorn, ich schaue eher zurück", sagt Schadt, 45, der für seinen Film mit der Kamera genau 105 Tage lang durch Berlin streifte. "Ich wollte überprüfen, was aus seiner Vision von Stadt geworden ist."

Am Mittwoch dieser Woche hat Schadts Werk, zu dem das Komponistenteam Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring eine Partitur schrieb, in der Berliner Staatsoper Galapremiere; tags darauf kommt es ins Kino. Zudem stellt das Berliner Filmmuseum in einer Ausstellung Ruttmanns und Schadts Arbeiten gegenüber.

Der neue Berlin-Film zeigt, wie stark sich nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Menschenbild verändert hat. Ruttmann war die Masse noch nicht suspekt. Er ließ sich gern mit ihr durch die Straßen treiben und konzentrierte sich kaum einmal auf ein Gesicht in der Menge.

Schadt dagegen schwenkt mit den Passanten, die das Blickfeld seiner Kamera kreuzen, mehrfach von rechts nach links und wieder zurück, als könne er sich zwischen all den interessanten Menschen nicht entscheiden. Immer wieder tritt der Einzelne aus der Masse heraus.

So steht etwa ein Bauarbeiter auf der Straße, während sich neben ihm zu beiden Seiten Autos stauen. Er lässt aus einem Schlauch Wasser auf den Asphalt laufen. Lange verweilt der Film auf diesem Anblick - als sei er eine Insel im Bilderfluss.

"Ruttmann wollte die Aufmerksamkeit des Publikums durch ein hohes Schnitttempo gewinnen", meint Schadt. "Damit verstieß er gegen die damaligen Sehgewohnheiten. Heute sollte man vielleicht eher umgekehrt vorgehen und den Film gezielt verlangsamen. Und um Berlin gerecht zu werden, muss man auch Bilder des Stillstands zeigen."

Trotz der geschickt gesetzten Ruhepausen verlangt der Film dem Zuschauer von Anfang bis Ende höchste Konzentration ab. So wirkt die Musik von ter Schiphorst und Oehring, die den Bildern gleichwertig sein soll, in ihrer lautstarken Dissonanz oft störend.

"Wir wollen auch den Widerstand der Zuschauer herausfordern, ihnen manchmal sogar auf die Nerven gehen, weil wir glauben, dass der Film dann eine nachhaltigere Wirkung entfaltet", betont Schadt. Wenn die Musik sehr dramatisch wird, aber ein Bild vom Arbeitsamt folgt, ist die Wirkung allerdings eher ernüchternd.

Passagenweise erscheint Schadts Film wie eine auf Hochtouren beschleunigte Berliner Jahreschronik: Silvester, Sechstagerennen, Karneval der Kulturen, Love Parade. Schadt versucht, ein Jahr auf einen Tag zu verdichten - und raubt dem Zuschauer mitunter etwas die Orientierung.

Überblick verschafft sich der Film immer wieder vom Fernsehturm am Alexanderplatz. Einmal zieht eine Wolkenfront vorbei und wirft ihre Schatten auf die Stadt - und sofort geht es auf den Jüdischen Friedhof am Prenzlauer Berg und um Berlin im Dritten Reich. Da nimmt Schadt die Floskel vom "dunklen Kapitel" der deutschen Geschichte doch allzu wörtlich.

Schadt hält oft inne, um auf die Vergangenheit zurückzublicken. "Ruttmann hat sich in seinem Film mit der Geschichte der Stadt kaum befasst", behauptet er. "Wir dagegen können nicht außer Acht lassen, was in den vergangenen 75 Jahren passiert ist. Der Verlauf der Geschichte soll sich in den Tagesablauf, den wir im Film beschreiben, hineinschieben."

Ruttmann schneidet einmal von einer Lokomotive auf einen Pfeife rauchenden Mann, um zu zeigen, dass die Stadt unter Dampf steht. Schadt schneidet von der Trommel einer Waschmaschine auf den CD-Player einer Touristin, und auf einmal scheint sich alles zu drehen: Es sind solche visuellen Assoziationen, bei denen die befreiende Phantasie dieser Stadt am stärksten zu spüren ist. LARS-OLAV BEIER



 
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© DER SPIEGEL 15/2002



STERN


Berlin als Sinfonie
"Berlin: Sinfonie einer Großstadt"Vor 75 Jahren sorgte Walter Ruttmann mit seinem Stummfilm „Berlin: die Sinfonie der Großstadt" für Aufsehen. Ein Tag in der schnelllebigen Stadt wird mittels in einem rasanten Tempo aneinandergereihten Einstellungen und Schnitten dargestellt. Dokumentarfilmer Thomas Schadt war so begeistert von dem lebendigen Film, dass er vor zwei Jahren mit den Dreharbeiten zu einer Neufassung begann. Sie trägt den fast identischen Titel „Berlin: Sinfonie einer Großstadt".


Berlin in Schwarzweiß und ohne Ton
Auch die neue Großstadt-Sinfonie schildert einen Tag in Berlin. Und Schadt drehte wie Ruttmann mit 35mm-Schwarzweiß-Material und ohne Ton. Bei beiden soll nicht Berlin an sich, sondern eine Stadt im Mittelpunkt stehen. Es gibt jedoch auch zahlreiche Unterschiede.

Liebeserklärung an die Stadt
Anders als Ruttmann lässt Schadt eine Einstellung auch mal eine Minute lang stehen, zeigt nicht nur Menschenmassen, sondern porträtiert auch einzelne Menschen. Anders als Ruttmann, dessen Film kühle Distanz ausstrahlt und der auch mal einen Selbstmord zeigt, ist Schadts Produktion eine Liebeserklärung an die Stadt, in der er seit 22 Jahren lebt. Er wolle überprüfen, was aus Ruttmanns Vision von Stadt geworden ist, erklärt Schadt.

Den Sound liefert das SWR-Sinfonieorchester nach einer Partitur, die Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring parallel zu den Dreharbeiten schreiben. Sie wollen „die Härte der schnellen Wechsel“ in dieser Stadt in Musik umsetzen.


Keine typischen Berlinbilder
105 Tage nahm Schadt sich Zeit, in Berlin nach passenden Bildern zu suchen. Sein Film beginnt mit einem Feuerwerk in einer Silvesternacht und endet mit Lichtspiegelungen auf einer Wasserfläche. Dazwischen werden Bilder vom Aufwachen der Metropole, von arbeitenden und essenden Menschen, Fabriken, Cafes, Parks, Staus, Politikern, Obdachlosen, Demonstrationen und Hunden gezeigt. Auf typische Berlinbilder wollte Schadt ebenso verzichten wie auf technische Effekte. Sehenswürdigkeiten wie Reichstag, Siegessäule, Kurfürstendamm, Rotes Rathaus oder Gendarmenmarkt sind aber alle zu sehen.

Orientierung fällt bisweilen schwer
Manchmal fällt es schwer, dem rasanten Film zu folgen. Es wird kein Berliner Ereignis ausgelassen: Love Parade, Karneval der Kulturen, Silvesterparty oder das Sechs-Tage-Rennen. Orientierungspunkte gibt es aber doch, wenn die Blicke in regelmäßigen Abständen vom Fernsehturm über das Häusermeer gleiten oder ein Tag im Leben der Bundestagsabgeordneten geschildert wird.

Der Film hat auch witzige Elemente. So sind die hin- und herwandernden Blicke von Zuschauern zu sehen, die den Ball bei einem Tennismatch verfolgen. Plötzlich bleibt die Filzkugel an der Netzkante hängen und springt zurück. Zeitversetzt wenden die Zuschauer, deren Blicke schon weitergeschweift waren, ihre Köpfe um.


Poetisch mit historischem Gewissen
 „Mein Film sollte ein historisches Gewissen erhalten", sagt Schadt. Schließlich sei seit dem 1927 entstandenen Ruttmann-Produktion viel Zeit vergangen. Es folgen Aufnahmen vom jüdischen Friedhof, später Ansichten vom brennenden Reichstag, dem Olympiastadion, dem Areal auf dem einst das Holocaust-Mahnmal stehen soll oder dem Checkpoint Charlie. Die poetische Grundstimmung des Films steht manchmal im Gegensatz dazu.

Spannende Portraits
Am stärksten ist das Leben in der Stadt zu spüren, wenn sich der Film einzelnen Menschen zuwendet. So grüßt ein dunkelhäutiger Portier des Hotels Adlon mit breitem Lächeln einen Gast. Kaum wendet er sich ab, verzieht sich sein Gesicht wieder zur undurchdringlichen Grimasse.






Artikel aus RP-Online vom 15.04.02 12:26
 
 Umjubelte Uraufführung

Neu: "Sinfonie einer Großstadt"
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Berlin (rpo). Sie war schon einmal da, diese Liebeserklärung an die deutsche Hauptstadt. Nach Walter Ruttmanns Stummfilmklassiker von 1927 hat sich jetzt Thomas Schadt an "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" versucht und einen aktuelleren Tag im Leben der Metropole dokumentiert. Bei der Uraufführung in der Staatsoper Unter den Linden wurde er dafür stürmisch gefeiert.

Kampfhunde, Häuserruinen, Akkordarbeiter, Armenküchen - diese Bilder dürften sich kaum für die Berlin-Werbung eignen. Und doch gerinnen in Thomas Schadts Dokumentarfilm "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" auch solche ernüchternde Blicke auf das Innenleben der Hauptstadt zu einer ungewöhnlichen Liebeserklärung an eine herbe Metropole. Schadt lässt den Tag dort beginnen, wo bei Ruttmann der Film endet: mit einem Feuerwerk, diesmal rund um das Brandenburger Tor. Nach diesen ersten Szenen ausgelassen feiernder Menschen an Silvester 2001 erwacht Berlin aus dem Schlaf. Die Kamera schweift über leere Straßen und Boulevards, fängt küssende Paare und torkelnde Passanten ein. Eine Metropole im Kater kommt langsam wieder zur Besinnung. Sobald der Tag anläuft, gilt die Aufmerksamkeit des Dokumentarfilmers den "kleinen Leuten" und ihrem Alltag.

Dabei serviert Schadt, der schon rund 40 Dokumentarfilme drehte, keine leichte Filmkost. Vor allem die eigens für den Film von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring komponierte und vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Leitung: Ronald Kluttig) live gespielte Musik fordert erhöhte Konzentration. Es sind Klangimpressionen, Soundfetzen und Geräusche, die den Rhythmus der Hauptstadt begleiten und zuweilen Herrschaft über die Bilder übernehmen.

Gesichter von Hauptstädtern

Doch anders als Ruttmann, der mit seiner hektischen Bildercollage im Stil des frühen Montagekinos Berlin als pulsierende Industriestadt porträtierte, hat Schadt in 105 Drehtagen vor allem Gesichter und Gesten von Hauptstädtern eingefangen. Ob in der Bundesdruckerei, beim Großbäcker, im Kiez oder im Parlament - bei dem Blick über das Fließband und in die Hinterhöfe gelingen dem Film glaubwürdig auch jene Bilder, die dem gängigen Berlin-Image entsprechen: der Hauptstädter mit "Herz und Schnauze", ausgeflippte Autonome, die Raver der Love Parade, die Politikdarsteller im Reichstag oder die Schickeria auf der Modeschau.

Wie in einem Puzzle fügen sich die Einstellungen zu einem Berlin- Panorama: Menschen im Alltag, zwischen Würstchenbude und Werkbank, im Büro, beim Sonnen am Wannseebad und am Grill im Tiergarten. Immer wieder kreist die Kamera vom Fernsehturm am Alexanderplatz über die Dächer Berlins. Bei aller Kiezromantik, das gibt Schadt zu verstehen, gibt es die Stadt doch noch als Ganzes.

Doch für Berlinerinnen und Berliner, das zeigt Schadts Film auch, gibt es an der Spree offenbar ziemlich wenig zu lachen. Mehr grimmig als befreit blicken die meisten Menschen in die Linse. Nur selten huscht den Hauptstädtern ein Lächeln über das Gesicht, wie dem Pagen des Nobelhotels "Adlon" oder dem Tänzer beim Straßenkarneval in Kreuzberg. Und trotzdem: "Es ist eine wunderbare Stadt, in der ich schon seit 22 Jahren lebe", sagt der Regisseur nach der Premiere - und das Publikum glaubt es ihm gerne.

Kinostart ist am 18. April.






BR Online

Regisseur Gerold Hofmann setzt den lebenden Legenden des Dokumentarfilms D.A. Pennebaker und Chris Hegedus mit "See What Happens" ein filmisches Denkmal.

D.A. Pennebaker und Chris Hegedus sind ein einzigartiges Gespann: als Filmemacher weltweit erfolgreich, unter den renommiertesten Dokumentarfilmern ihrer Zeit, seit Jahrzehnten produktiv und privat seit 25 Jahren ein Paar. Ihr größter Erfolg war sicher "The War Room". Der Film über die Wahlkampagne Bill Clintons, 1993, wurde für einen Oscar nominiert und gilt inzwischen als Standardwerk des politischen Dokumentarfilms.

Donn Alan Pennebaker gehört zusammen mit Richard Leacock und Al Maysles zu den Gründervätern des modernen Dokumentarfilms. Sie haben die Kamera vom Stativ befreit, Menschen in allen Lebenslagen beobachtet und das "Kino der Wahrheit" geschaffen. "Don't Look Back", 1965, Pennebakers Film über eine Englandtournee von Bob Dylan, ist zugleich "Cinema Verité" und die erste Musikdokumentation der Popgeschichte. "Monterey Pop" folgte, und von da an fragten die Stars der Rockmusik, von David Bowie bis Depeche Mode, bei Pennebaker an, um von ihm porträtiert zu werden.

Chris Hegedus traf Mitte der Siebziger Jahre auf D. A. Pennebaker. Sie war durch die Schule des "Cinema Verité" gegangen und bildete nun gemeinsam mit Pennebaker ein überaus produktives Team. Radikal in der Form und kompromisslos gegenüber dem Fernsehen haben Pennebaker und Hegedus ein eigenes filmisches Genre geschaffen: Menschen beobachten und mit ihnen Geschichten aus der Wirklichkeit zu erzählen, ohne Zutaten, ohne Arrangements, authentisch und voller Respekt gegenüber ihren Protagonisten.

Über die Jahrzehnte sind dadurch nicht nur eindrucksvolle Porträts entstanden. Pennebaker und Hegedus haben immer auch ein untrügliches Gespür für den Nerv der Zeit bewiesen. Ihr Werk umspannt den Zeitraum vom Aufbruch der sechziger Jahre bis zur Ankunft der Internet-Generation. Ihr Film "Startup.com" ist "Cinema verité" par excellence, spannend und entlarvend zugleich.

Filmemachen ist ihr Leben. Seine größte Freude, sagt D. A Pennebaker, bestehe darin, zusammen mit Chris im Schneideraum zu sitzen. Da herrscht nicht immer eitel Sonnenschein, da fliegen manchmal die Fetzen. Aber am Ende wollen sie den gleichen Film. Ihren Film.

"Was mich am Werk von D. A Pennebaker und Chris Hegedus am meisten beeindruckt hat, ist die absolute künstlerische Sicherheit, mit der sie ihren eigenen Stil gefunden, ein eigenes Genre geschaffen haben. Sie beobachten mit ihrer Kamera Menschen im wirklichen Leben. Es geht ihnen nie darum, Sachinformationen zu vermitteln. Sie erzählen Geschichten von wirklichen Menschen und manchmal berühren sie mit ihnen das Herz des Zuschauers. Das ist die Hohe Kunst des Filmemachens, jenseits der starren Grenzen von Spielfilm oder Dokumentarfilm." (Gerold Hofmann, Berlin, Mai 2002)





NOZ 29.5. 2001

Zorniger Zeus der Rock-Generation
Von Marcus Tackenberg
Bob Dylan - arte, 21.40 Uhr Wie lässt sich das bewegte Leben der Legende Bob Dylan angemessen in einem Dokumentarfilm darstellen? Wie soll man diesem wohl einflussreichsten Musiker, diesem launigen, introvertierten Gemüt, diesem Idol einer ganzen Generation, diesem zwischen seinen Zeilen zu verstehenden Poeten auch nur annähernd gerecht werden? Vor dieser heiklen Frage stand Gerold Hofmann, als er sich daran machte, das Lebenswerk des ewig kauzigen Songwriters aus Anlass seines 60. Geburtstags zu würdigen.

Für den gut 100-minütigen Streifen ,,Bob Dylan - Things have (n´t) changed", zugleich Auftakt des Dylan-Themenabends auf Arte, kramte Hofmann nicht nur in den üblichen Musikarchiven, um die wichtigsten Stationen der Biografie Dylans zu zeigen. Bemerkenswert sind vor allem so sorgfältig, wie überraschend ausgewählte Zeitzeugen wie Nana Mouskouri, Manfred Mann, Fritz Rau, Doris Dörrie oder den französischen Bildungsminister Jack Lang, die über ihre Begegnungen mit dem Fluidum Dylan berichten. Bap-Sänger Wolfgang Niedecken bekennt beinahe selbstverständlich: ,,Like a Rolling Stone war für mich die Single, die mein Leben verändert hat." Spannende und kurzweilige Erzählmomente ergeben sich durch schlüssige, harmonische Szenewechsel zwischen dem Protagonisten und seinen Begleitern ebenso wie durch Einblendungen aus Konzerten, Videos und nicht zuletzt dem viel gelobten Radio-Hörspiel ,,True Dylan" des Deutschlandfunks. Im Zwiegespräch mit dem Interviewer offenbart der Meister in einem seltenen Moment der Ruhe viel von seinem widerspenstigen Charakter.

So zeichnet Hofmann mit vielen Pinselstrichen das sensible Porträt eines Mannes, der sich nie um den Zeitgeist scherte, sein Publikum oftmals enttäuschte, dann wieder glückselig machen konnte. Ein Mann, der ständig auf der Flucht vor seinen Bewunderern ist, nervige Journalisten gern mit einsilbigen Antworten bestraft und bei Preisverleihungen eher Mitleid erzeugt, gelangweilt und genervt von der langen Reise, die er für so eine ,,hässliche Trophäe" antreten musste.

Dylan - so scheint es - schwebt immer irgendwie über den Dingen wie ein zorniger Zeus. Kann der Mann überhaupt glücklich sein? Die Bühne ist es, das macht der Film klar, wo der Künstler befreit wirkt. Doch gerade hier vollzogen sich im Laufe seines Lebens wahre Dramen. Das erste Mal in Paris wurde Dylan ausgepfiffen, weil er statt der Akustik- die Rockgitarre auspackte. In Berlin flogen ihm Tomaten entgegen, weil die angebliche Protestbewegung ihren Propheten des Hochverrats bezichtigte, obwohl Dylan stets betonte, nichts mit Politik zu tun haben zu wollen.

Aber auch Sternstunden der Musik ereigneten sich auf Bühnen, die Dylan betrat, als er etwa dem Reichstagsgelände in Nürnberg einen neuen Geist einhauchte oder mit Verehrern wie Tom Petty, George Harrison oder Eric Clapton jammte. All dies beleuchtet Gerold Hofmann und kommt dabei dem Kern des Mythos ziemlich nahe - Fazit: Absolut sehenswert. Danach zeigt Arte die preisgekrönte Dylan-Dokumentation ,,Don´t look back" des amerikanischen Filmemachers Don Alan Pennebaker von 1967, der den Musiker zwei Jahre zuvor auf einer Tournee durch Großbritannien begleitete.




Feuilleton     Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2001, Nr. 39, S. 54
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Tagebuch
Daß ich in den "Spiegel" gehe
Innenansichten aus dem System Schröder: "Kanzlerbilder" (SWR)

Zunächst sehen wir nur eine Hand. Sie winkt über eine Schar Köpfe hinweg. Es herrscht Gedränge, Unruhe, Tumult. "Herr Schröder, Herr Schröder, hiiierheeer", ruft ein Journalist. Der Angesprochene scheint dem Lockruf nicht zu folgen. Selbst wenn er wollte, könnte er es nicht, denn wohin er sich auch wendet, der Reporterpulk ist schon da. Nur aus der Vogelperspektive ist ein Blick auf das Gesicht des kleinen Mannes zu erhaschen, der an diesem Abend den größten Auftritt seines Lebens hat. Der Kandidat ist zum Kanzler geworden. Gerhard Schröder beerbt Helmut Kohl.

Bis zu diesem Moment im Herbst 1998 hatte der Dokumentarfilmer Thomas Schadt den damaligen Herausforderer im Wahlkampf begleitet und es vermocht, wo alles nur Kulisse schien, tatsächlich einen Blick hinter diese zu werfen und uns eine begründete Ahnung zu vermitteln, wie dieser Kandidat die Wahl gewann. Dank seiner aufsehenerregenden Beharrlichkeit avancierte Schadt damals zum wahren Enthüller der sogenannten "Kampa", die das Land überrollte.

Man sollte also meinen, die Genossen seien vorgewarnt gewesen. Doch sie ahnten wohl, daß, wer nur lange genug vor Schadts Objektiv sich tummelt, auch wenn er mitunter eine schlechte Figur abgibt, allmählich doch jenes historische Format gewinnt, von dem jeder Politiker träumt. Also wurde Thomas Schadt abermals mit seiner Kamera vorgelassen. Und das Erstaunliche ist ihm erneut gelungen - Transparenz zu schaffen in einer Welt, die von Kameras verstellt ist. Wer wissen will, wie - im buchstäblichen, im räumlichen, im zeitlichen und im körperlichen Sinne - dieses Land regiert wird, sollte diesen Film nicht verpassen. Im Zweifel genügt dem erfolgreichen Regenten ein Anruf an der richtigen Stelle, wie hier erstmals in Bild und Ton bezeugt wird. Doch dazu später.

Der Tumult, dem der Kandidat nicht zu entkommen vermochte, bleibt dem Kanzler erst recht nicht erspart. In welche Richtung er auch schreitet, hysterische Teenager ("er hat unsere Hand berührt!"), Bittsteller (eine milde Gabe für den örtlichen Eishockeyclub) und die unvermeidlichen Journalisten säumen seinen Weg. Nur beim kurzen Kick auf der Wiese, auf welcher sein Hubschrauber landet, scheint der Kanzler, der in diesem Moment wieder Wahlkämpfer ist, sich als großer unter kleinen Jungen wohl zu fühlen und - für einen Augenblick nur - als Mensch kenntlich zu sein, der etwas für Fußball und - horribile dictu - ein frischgezapftes Pils übrig hat. Wenig später hat ihn die politische Rhetorik wieder, die wir als Zuschauer nach den ersten Minuten bereits über haben. Da ist immer wieder von den anständigen Menschen die Rede, für welche wir uns doch alle halten, wird appelliert an Hoffnung und Werte, die der politische Gegner verrate. In ihrem simplen Moralisieren kommt einem die Litanei irgendwie bekannt vor, und auch sonst erinnert manches an dem Gehabe Gerhard Schröders an dessen Vorgänger.

Solches zu erkennen wird uns nur möglich, weil es Thomas Schadt abermals gelungen ist, Distanz zu wahren und die Distanz aufscheinen zu lassen, die zwischen dem Mächtigen und den vielen Paladinen um ihn herum immer herrscht, obwohl uns das Fernsehen ununterbrochen weiszumachen pflegt, welch große und intime Nähe zwischen Regent und Volk doch bestehe.

Nichts ist spontan, jeder Kameraplatz ist umkämpft, jede Einstellung besprochen. Nur was Thomas Schadt sieht und hört, entzieht sich der allmächtigen Regie des Presse- und des Kanzleramts. Und was er sieht und hört, ist mitunter so seltsam und komisch, als sei es für einen Auftritt von Rowan Atkinson ersonnen worden, nach dem Motto: "Mr. Bean geht in die Politik". Doch es sind Gerhard Schröder, Bill Clinton und Wladimir Putin, die hier auf Zuruf winken und lächeln, lächeln und winken, sitzen, stehen und trinken und beim Gipfeltreffen in Okinawa schließlich zu einer Prozession bei Gamelan-Musik vereint sind, die allerhöchsten Slapstick-Anforderungen genügt. Zwischendurch, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zieht sich Gerhard Schröder schnell die Strümpfe hoch.

Doch wir werden nicht nur Zeuge, wie Diplomatie gemacht und Presse dressiert wird, sondern auch, wie sich Politiker lästige Bittsteller vom Leib halten. Eine halbstündige Anhörung der Sinti und Roma, bei der Schadt zugegen war, nutzt Schröder für einen sechzehneinhalbminütigen Exkurs in Sachen Erinnerungspolitik, an dessen Ende alles gesagt und nichts versprochen ist und selbstverständlich die Zeit drängt. Den Rest erledigen die Referenten.

Sein zweiter Film über Gerhard Schröder, den die ARD leider nicht ins Erste Programm nehmen wollte, kam, wie Thomas Schadt im Gespräch sagt, wie "eine Aufforderung zum Tanz". Das Bundespresseamt nämlich war auf der Suche nach einem Autor für einen "Werbefilm", mit welchem der Bundeskanzler im Ausland vorgestellt würde. Im Kanzleramt verfiel man auf den Namen Schadt und - mußte sich auf ein Kompensationsgeschäft einlassen. Wenn er denn einen Film drehen sollte, meinte Schadt, dann auch einen zweiten zu seinen Konditionen, inklusive Langzeitbeobachtung über ein halbes Jahr hinweg und Recht an eigenem Bild und Schnitt. Auf diese Weise sind gleich zwei außergewöhnliche Filme entstanden: einer, den das Presseamt als ungewöhnliche Werbesendung in die Welt schickt, und ein zweiter, der die Absurdität, Komik, Härte, vor allem aber die vollständige Einsamkeit und Isolation im politischen Geschäft auf denkbar ruhige und eindringliche Weise schildert. Thomas Schadt ist wieder ins Auge des Orkans geschlüpft.

Besagter Anruf, den zu dokumentieren eine kleine Sensation ist, auch wenn er nicht Geschichte schreibt, aber die Tagespolitik bestimmt und zeigt, wie man Strippen zieht, gilt übrigens keinem Geringeren als Stefan Aust, dem Chefredakteur des "Spiegel": "Wir haben diskutiert", sagt Schröder zu Struck und Müntefering eingangs der Morgenrunde, "daß ich noch mal in den ,Spiegel' gehe." Es geht um die Steuerreform: "Man müßte mit denen noch mal reden. Du kannst ja gleich mal anrufen. Oder ich rufe den Aust selber an." Quod erat demonstrandum.

MICHAEL HANFELD